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VI. Die historische Schule.
Bis 1870 lehrten an der Akademie in Berlin entweder un-mittelbar in Paris gebildete Lehrer, wie Adolf Eybel , K. W. Pohlke,Otto Knille, Max Michael, Wilhelm Streckfuß , oder solche aus derWerkstätte des nach Weimar versetzten Vlamen Pauwels, wie KarlGussow, Paul Thumann , oder endlich Schüler zweiten Geschlechtes,die ihre Darstellungsart uud Gedankenwelt mittelbar von den Fran-zosen entlehnten. Die Berliner Akademie selbst unterstützte ihretüchtigsten Schüler darin, daß sie nach Paris zogen. Ein Aufenthaltdort ist in der Lebensbeschreibung fast aller besseren Berliner Maleraufgezeichnet. Wie Wach und Begas zu David und Gros, so gehörtder „Aufschwung" der Bertiner Kunst seit der Mitte des Jahr-hunderts sachlich uud kuustgeschichtlich in das Gebiet der sranzösischenRomantik. Die Schüler nnd Nachfolger des Delacroix: Delarvche,Coguiet, Couture, Batelet, Gleyre sind die beliebtesten Lehrer. IhreArt findet man in allen Bildern jenes Malergeschlechtes nicht nurin Berlin, sondern in fast ganz Deutschland wieder, die zwischen1848 uud 1870 ihre eigentliche Entwickelung durchmachten. Nie-mals, nicht im 17. nnd nicht im 18. Jahrhundert hat der Pariser Geschmack Deutschland so beherrscht, wie zu jener Zeit, als sich dieAuftrüge meldeten, den Sieg der deutschen Waffen über Frankreich malerisch zu verherrlichen!
Diese unangenehme Beobachtung ist nicht neu. Adols Rosen-berg, der Geschichtsschreiber der Berliner Malerschule, spricht vonder Einwirkung der französischen Ateliers, nennt sie aber äußerlich.Die deutscheu Maler giugeu, so sagt er, nur nach Paris , um dieGeheimnisse der Werkstätten, die glänzende Farbenmache, die Sicher-heit in der Darstellung der äußeren Form, mit einem Wort allesdas kennen zu lernen, was wirklich lehr- und lernbar ist. DieNotwendigkeit einer solchen Wanderfahrt, fährt er fort, birgt in sicheinen schweren Vorwurf gegen die Berliner Akademie , die, an sichein schwerfälliger Körper, seit der Mitte der vierziger Jahre derartiu Versumpfung uud Verzopsuug hineingeriet, daß von ihr nichts zuholen war. Vom französischen Geiste freilich, meint Rosenberg, seinichts in die Berliner Malerschnle übergegangen, es sei denn derrealistische Zug, der dem Pariser wie dem Berliner Maler gemein-sam ist; der aber weniger das Ergebnis bewußter Nachahmung als