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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

Bern ist, seitdem sie besteht, noch nicht ein einziger wirklich guterKünstler hervorgegangen. Lanter großschnauzige Kerlchen, die somalen, wie die Franzosen zu thun sich schon vor fünfzig Jahrengeschämt hätten. Und er sagte damit den Sachkundigen nichtsNeues!

Werner weiß besser als Rosenberg, daß in Antwerpen uud Paris uoch etwas anderes zu finden war, als in Berlin i nämlich jenes Un-erklärbare, die künstlerische Lebensluft dort, gegenüber dem Still-stand hier. Nur meint er diesen behoben, die Kunstluft nach Berlin übergeführt zu haben; meinen dagegen die Jüngeren, daß diesnicht, wenigstens nicht ihn: gelungen sei. Als er auftrat, fehlte esiu Berlin nicht an einer sich deutsch fühlenden Kunstthätigkeit. Esgeschah dies in einer Zeit, da Cornelius seine Entwürfe für denCampo Santo fertigte, Kaulbach das Treppenhans des Museumsausmalte, Menzet in gewaltiger Thätigkeit seinen AnschauungenLust zu machen begann; in einer Zeit, da die Berliner Kunst-kenner, wenigstens viele unter ihnen, ein Lübke, Schnaase, Grimm,Eggers, Riegel und wie sie alle heißen, den Malern tausendfältigzuriefen, sie möchten die großartigen Errungenschaften deutscher Kunstuicht hinwerfen, um das Linsengericht nur äußerlicher Fertigkeiten,einer innerlich kranken, nervenschwachen, wenn auch mit Meisterschaftgehandhabten Kunst zu liebe. Immer uoch waren die Gefeiertestenunter den deutscheu Künstlern, die Alten, überzeugt von der höherenStellung der Corneliauischen Kunst. Will man die Verbissenheitkennen lernen, mit der sie den Realismus der Farbe, wie ihn schondie Düsseldorfer eingeführt hatten, heranwachsen sahen, so gebendie Litterarischen Reliquien des Bildhauers E. I. Hähnel dafürden schönsten Beleg, kurze Gedankenspähne, die dieser in langer Folgeniederschrieb. Ihm ist der Idealismus die einzige Kunstform. DerKünstler soll die Natur lieben wie sein Weib, indem er sie zwingt,ihm Unterthan zu sein. Er soll ihre Fehler verbessern, sie mitPoesie erfüllen, Gedanken durch sie aussprechen. Noch iu denachtziger Jahren ist für Hähnel Cornelius kurzweg der große Meister.Mein Wert als Künstler, sagt er, besteht in der Erkenntnis, daßich tief unter Cornelius stehe. Irgend einen heutigen Maler nurau die Seite des Cornelins oder des Overbeck zu stellen, fährt er fort,