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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Kampf gegen den Realismus.

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ist eine Versündigung an diesen Männern. Sie sind nicht überwunden.Überwunden ist uur die Scham, die Kunst in jeder Weise erniedrigt zusehen. Zur Zeit des himmlischen Cornelius hatte die Kunst Seele undkeinen gefärbteu Leib; jetzt hat sie Farbe, aber kciueu Leib uud keine Seele.Die heutige Malerei ist eine Verherrlichung der Gedankenlosigkeitdnrch die bloße Technik. Die Technik in der Malerei kann zwargeistreich sein, aber uie seelenvoll; und was ist die Kunst ohneSeele! nur ein Handwerk. Zum Naturalismus in der Knnstreicht meist ein ganz 'gewöhnliches Talent aus; die ideale Kunstverlangt den Genius. Weun die Kunst aufHort, sich mit denhöchsten Interessen der Menschen zu beschäftigen, verläßt sie dasIdeal und wird eine Hure. Für Hähnet ist die Knnst nicht un-mittelbar aus der Natur zu holen. Jene, die ohne Modell nichtsznwege bringe», sollten die Nase von der Kunst fernhalten, dennfie habeu kein wirkliches Taleut. Wenn mir ein Künstler sagt:ich bin Realist, so antworte ich ihm, dann bist dn kein Künstler,sondern ein Kuustknote; denn was du kannst, kann der Photographweit besser. Und so in Anmut weiter. Ganz klar wird man nichtdarüber, was der Bildhauer unter Idealismus verstand; sicher aber,daß er jenen, der nach der vollen Bildwirkung strebte und der dieNatur in der farbigen Erscheinung mit Emsigkeit suchte, einfach fürkeinen Künstler hielt. Er war sich seines Idealismus bewußt undduldete nicht, daß ein anderer einen anderen neben seinem habe.Ein vollendetes Kunstwerk darf kein individuelles Gepräge habeu,rief er aus, und wies auf die griechischem Vorbilder. Heute stelltdie Wissenschaft die Eigenart der großen Meister fest und hat längsterkannt, daß es die Kopisten wareu, die ihre Spnren an so vielenWerken beseitigten. Deren Arbeit war das Ziel von HähnelsIdealismus. Wehe dem, der auch Eiuer sein wollte neben ihnen!

Und trotz den feierlichen Verfluchungen, die der alte Idealistnachts in sein Merkbnch schrieb, zogen die Maler scharenweis überden Rhein, damals noch Deutschlands Grenze; sie folgten dem Wegder Heine und Borne; ertrugen den Hochmut der Franzosen , umbei ihnen das Handwerk zu lernen, wie sie meinten, nnd die künstle-rische Lebenstuft zu atmeu, die Luft Frankreichs, die den Deutschen damals die Lnft der Freiheit schien, weil die Lnft von Paris so

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