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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

unendlich viel großstädtischer war als die in unseren Hauptstädten.Und als sie heim kamen, beteuerten sie, daß immer noch der Ge-halt ihrer Knnst deutsch geblieben sei. Sie malten ja deutsche Ge-danken. Aber im hintersten Kämmerchen des Herzens sagte ihneneine Stimme, daß diese Gedanken mit der Kunst nichts zu thunhaben: Das Künstlerische ihrer Kunst war französisch, das Un-künstlerische war deutsch !

Ein trotz der Geschraubtheit seiner Schreibart klarer Kopf warA. Teichlein, den ich Kaulbachs ästhetisches Gewissen nennen möchte.Er warf der Begeisterung für die Belgier gegenüber 1853 dieFrage ans, was nationale Kunst sei. Er kommt zu der Ansicht,daß das wahrhaft Nationale nicht im Stoffe, sondern in der Be-handlung liege. Jedes tunstbernfene Volk gebe dem Stoff ein ihmeigenes Gepräge. Ans dieses, auf die nationale Kunstanschauung,nicht aus die patriotische Kuustabsicht komme es au. Wer deutsch fühlt und denkt, in dessen Werke wird bei jedem Stoff deutscherGeist wehen, sein Ich wird bei aller Besonderheit im Bolkstnmaufgehen. Wer aber seinem Volk in fremden Zungen, z. B. infranzösisch-belgischer Sprache deutsche Geschichte erzählen und dabeisich als deutschen Künstler dünken wollte, der wäre ein betrogenerBetrüger. Wert hat der vaterländische Stoff nur, weuu er auchin einer der nationalen Kuustanschaunng entsprungenen Form zurErscheinung kommt.

Ich wählte als Eutgeguuug auf die Anschauungen des Direktorsder Berliner Akademie, daß er in Paris sich wohl das Handwerk,nicht aber den Gehalt seiner Knnst geholt habe, eine Antwort, derder Vorwurf der Feindseligkeit gerade gegen ihn nicht gemacht werdenkann: denn sie wurde geschrieben, als Werner zehn Jahre alt war.Seither ist dieselbe Ansicht noch sehr oft ausgesprochen worden undzwar selbst von den Berlinern, sobald ein jüngerer Künstler insAusland ging, um sich von dort die neuesten Kunstlehren zu holen.Die in Paris Gebildeten von 1850 uud 1860 wareu 1380 ganzaußer sich, als die Juugen der Ansicht wurden, daß Berlin sichimmer noch im Still stände befände, trotz Werner und seinenFreunden. Und die in ihrer Jugend führenden Alten, Kaulbachund Cornelius, sind, wenn ich richtig urteile, doch von viel stär-