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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Auffassung des Nationalen.

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kerer Eigenart gewesen als Gustav Richter und Anton von Werner .Sie konnten mit mehr Recht darauf pochen, daß durch die Jungeueine nationale Kunst zerstört werde; daß diese abermals die Über-lieferung zerreißen, nachdem mit großer Kraft eine deutsche Artgefunden sei. Wohl haben die Französlinge von 18501870 eingewisses Recht zur Verteidigung auch ihrer Stellung; in einemhalben Jahrhundert hat sich das deutsche Volk darau gewöhnt, dieKnnst, wie sie sich aus der dreißiger Revolution, unter Louis Philipp und Napoleon III. entwickelte, für die beste hinzunehmen, so daßsie ihnen eine nationale geworden zu sein schien: verharren wir alsobeim älteren Französischen, statt daß wir alle Schwankungen desfremden Stiles mitmachen, so haben wir wenigstens eine Sonder-stellung! Aber der Verkehr zwischen beiden Völkern ist zu rege umeinem Volke ohne Nachteil die Möglichkeit des Stillstandes zu ge-währen: Stauffer-Bern fiel es wie Schuppen von den Augen, alser vou Berlin nach Paris kam; dem Strebenden war es unmöglich,am Veralteten festzuhalten. Mehrere ältere Berliner Maler, erzähltFeuerbach schon 1853, sind in der Lehrwerkstätte von Couture, diesich nicht zurecht finden und den Meister in innere Verzweiflungbringen. Sie hatten es dem Meister gewiß zu danken, daß ersie von der deutschen Spitzmalerei zu breitem, kräftigem Auftrag,von dein akademischen Entwerfeu nach Regeln zu großer Anschau-ung und Auffassung führte, wie Feuerbach selbst. Sie sollten esaber nicht vergessen, was mau ihnen bei der Heimkehr zurief: Ihr,die ihr das Handwerk auf jetzige Pariser Art betreibt, ihr seid umdes Handwerks willen Franzosen, ihr mögt malen was ihr wollt!Denn die Stellung zur Natur, die Auffassung dieser macht denKünstler, sie giebt ihm das Ansdrucksmittel, die Sprache. Ein Ge-lehrter des 16. oder 17. Jahrhunderts, der in lateinischen Hexa-metern deutsche Thaten besingt, ist kein deutscher Dichter: die Künstler,die in der Nuhmeshalle in Berlin die Heldenthaten der preußischenArmee schilderten, sind in ihrem Schaffen kaum mehr deutsch als jener.

Der Krieg von 1870 brachte den Umschwung. Er zerschnittdie künstlerischen Beziehungen zwischen Paris nnd Berlin . Alsdiese sich wieder einzurichten begannen, war Paris und seine Kunstumgewandelt. Die Neuankommenden fanden weder im Gedanken

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