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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

noch im Ton jene Malerei wieder, die dort seit Delacroix gelehrtworden war. In die sechziger nnd siebziger Jahre fällt der großeUmschwung, den die Schnle von Barbizon brachte. Die Deutschenhatten bisher als Gäste zumeist nur den äußeren Glanz des Hausesgesehen, jene Geschichtskunst, die dem zweiten Kaiserreich ihren An-strich gab, die lauteu Bekundungen der Größe Frankreichs ^ Siewaren mit den großen akademischen Werkstätten an der stilleren, vonoben mißachteten Kunst der jungen Schule, an Millet nnd Corotvorbeigegangen, hatteu sich als Idealisten mit ihren Lehrern überCourbet und Manet entsetzt. Sie blieben bei diesen Lehrern sitzen,blieben Jünger, während diese schon veraltet waren. Der Geist derBerliner Kunst wurde daher ausschließlich jener, den Paris einigeJahrzehnte vorher angenommen und inzwischen wieder abgelehnt hatte.

Daß aber Paris mit Berlin die Nüchternheit gemein habe, isteiner der unfreiwillige» Witze, in denen Rosenberg so stark ist. Nichteigenartig, sondern altmodisch war man in Berlin , sowohl in derFarbe als im Gedanken Wenzel allein ausgenommen wennman nicht den Umstand, daß man den in Paris so kochend heißenfarbigen Realismus iu Berliu uüchtcrn, kalt genoß, als Eigenartauffassen will. Oder schärfer gefaßt: in Berlin , wo als Poesienoch das außerhalb des wirklichen Daseins Liegende bezeichnetwurde, hatte man den geistigen Reichtum, den Schwung echterWahrheitsliebe noch nicht begriffen; man hatte noch nicht erkannt,daß man das Schone erleben könne, statt es zu erschwärmen. Wennman sich wahr geben wollte, glaubte man gezwungen zu sein, nüchternstatt sachlich zu werden.

Nüchtern erschien den Berlinern aber all das, was nicht vontiesen Gedanken beseelt, in schöner Form vorgetragen war. Darinwaren sie noch unendlich viel mehr, als sie es wahr haben wollten,Schüler des Cornelius. Ihm dankten sie trotz ihrer Auflehnunggegen den großen Idealisten das, was deutsch an ihnen war. Mannannte die Kunst der Franzosen nnd Belgier, namentlich ihre Ge-schichtsinalerei, gehaltlos; man warf ihr vor, nicht Handlungen,in den eine bedeutende Idee enthalten sei, darzustellen, nur diemalerische Außenseite der Vorgänge abzukonterfeien; man tadelte, daßin all den bewunderten Charakterköpfen doch gar selten die Seele