Druckschrift 
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
363
Einzelbild herunterladen
 
  

Das Studium der alten Meister, Das Stoffliche. 363

Die Maler Münchens zogen nun nach Venedig, nach Rom ,nach Paris nicht mehr in der Absicht, Gedanken und bestenfallsdie Zeichnung zu erlernen, sondern um die malerische Haltung dergrößten Künstler der Farbe aller Zeiten dort auszunehmen undmit ihr die Art und Weise, wie diese den Piusel in breitererFührung handhabten. Nicht mehr der Umriß, sondern der Ton-wert wurde zur Aufgabe der künstlerischen Untersuchung alter Bilder.Wie die Knnstgelehrten, gingen die Maler auf Entdeckungen aus.Und der war ein rechter Mann, der einen alten malerisch unbe-achteten Koloristen ausfaud, seine Art erlernte und neu erstehenließ; der der Welt zeigte, daß nicht nur eine Art der Farben-gebung die rechte sei, sondern daß die alte Kunst unendlich reichin der Behandlung der Natur, unerschöpflich an Vorbildern sei,nach welchen diese malerisch zu verstehen gelernt werden kann.Neue Anregungen von alleil Seiten. Mit freudigem Staunensah mau die Vielseitigkeit einer auf die Farbe mehr als auf dieZeichnung begründeten Knnstentwickelung. Regsamkeit und Strebenaller Orten!

Die große Streitfrage bei Pilotys Anfängen war, inwieweitder Realismus ins Geschichtsbild eiudriugen dürfe. Es entstanddamals die Verbindung für historische Kunst, welche die Absichthatte, durch Preise, Ankäufe, Erteilen von Aufträgen die höchsteKnnstform zn pflegen. Sie mußte rasch ihre Ansprüche herabsetzen,da diese höchste Knnst, die des erhabenen Gedankens und der ab-strakten Form, vor den realistischen Bestrebungen wie Butter auder Sonne dahinschmolz. Sehr bald unterstützte sie nur das,was man nun Geschichtskunst nannte, was die Alten aber alshistorisches Genre belächelten; nnd nur zu oft mußte sie ganz aufdie Preisverteilung verzichten, da die Maler von der angeblich höchstenKunstform trotz allen Belohnnngen nichts mehr wissen wollten.

Es giebt Empsindnngswerte, über die sich nicht streiten läßt.Die Gebildeten nahmen die realistische Knnst zunächst mit Argwohnauf. Man erkannte zwar die Meisterschaft in der Behandlung desStofflichen an: Das war wirkliche Seide, Sammet, Lcder, die hiergemalt wurden. Znm Antasten, zur Täuschung wahr! Manempfand dies- als eiue Leistung des Könnens, aber man kam schwer