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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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364 VI. Die historische Schule.

über die Sorge hinweg, ob eine wahre Kunst angesichts solcherWahrheiten überhaupt möglich sei. Die Echtheit in der Wieder-gabe des Stoffes wurde deu Maleru nicht als Verdienst angerechnet,sondern man verhöhnte sie. Wahr seien in ihren Bildern wohldie Stoffe, nicht aber die Menschen. Denn zur höhereu Wahrheitgehöre ja gerade der Verzicht auf die Zufälligkeit, das Erfassendes einzelnen Menschen unter Hinblick ans die ganze Menschheit.Das Augenmerk werde ans die Nebendinge gelenkt, der Geist schwinde.Als A. v. Werner Friedrich Preller erzählte, daß er sich mit dengewichsten Stiefeln auf seinem Kongreßbilde Plage, sagte dieser mit-leidig! Mein Gott, das würde ja eiu Schuster besser macheu!Preller war der Ansicht, daß da keine Kunst mehr möglich sei, woman Stiefel malen müsse. Man empfand nicht geschichtlich vorsolche» Bildern. Die älteren Kunstkenner wurdeu von der Ge-nauigkeit des Stofflichen geradezu abgestoßen, sie sahen in ihr eineVerleitung in die Flachheit. Ein Maler, der seine Zeit verliert,einen alten Pelz nachzumalen, wird nie die Stimmung finden, Hektor ideal zn erfassen! Wenn etwas Störendes im Bilde erscheint, dannkann den meisten unter uns das Bild so schön sein, wie es wolle:er sieht nur das, was er als Fehler empfindet. Fast jede Ausstellunghat ein Stück, über das sich die Menge entrüstet. Sie wirft dieganze Ausstellung, die gauze zeitgenössische Kunst über Bord, weuuso etwas vorkommen kann. Es hilft nichts, wenn man sie bittet,einmal über den einen Punkt hinwegzusehen und das große Übrig-bleibende zn betrachten. Sie bleibt mit starrem Blick geistig andem haften, was ihr mißfällt. Die Entwertnng eines Knnstwerkesim Auge des Beschauers vollzieht sich ja rasch: Wie soll ein BildEindruck machen, in dem ein Fetzen Sammet das Augenmerk desBetrachters auf sich lenkt, ihm aufdringlich erscheint. So habensich die Zeitgenossen in die Grausigfeiten der Pilotyschen Schuleverbissen. Vielen wnrden durch sie seine Werke ungenießbar. Inder Coruelinsschen Schule lag ein Toter auf der Erde, hatte seineklaffende Wunde, andentnngsweise fließendes Blut, blässere Körper-farbe. Er starb, wie im klassischen Drama, mit wohlüberlegterschöner Haltung. Man vergoß Thränen bei seinem Tode, aberman fühlte sich zugleich angenehm ästhetisch erwärmt. Nun war