Abscheu gegen den Realismus. — Moderne Ablehnung. gßg
das anders. Die Leiche hatte Leichenfarbe, der Tod war andersästhetisch verwertet, das Gefühl das des Schauderns. Der Totelag so da, wie es am schönsten in die Harmonie paßte, aber dochso starr, so blaß, so krampfhaft verzogen, wie eine Leiche eben liegt.In ungleich stärkerer Weise, wie wir heute, wurden die aus demIdealismus Kommenden von dieser Wahrheit gepackt. Sie glaubtendie Verwesung zu riechen, sie wendeten sich mit Schander von einerKunst, die solche Mittel anwende. Es fehtr nur noch, daß sie mitstinkenden Farben malen! sagten voll Abscheu die edlen Fraueu, beiwelchen man anfragen soll, nm zu erfahren, was sich ziemt. Undder Bildhauer Hähnel hatte den Eindruck, als müßten diese Realistenbeim Urteil über den Idealisten sagen: Psui, der Kerl hat Schön-heitssinn! Er sah in ihnen mir verstockte Schwachköpfe, die zudumm sind, das Schöne erstreben zu wollen, oder zu frech, umdem höheren Geiste der Knnst dienen zu können.
Ich will dem gleich eine der jüngsten Anschauungen gegenüber-stellen, wie sie W. von Seidlitz 1897 aussprach. Er bewundert nurdie Geduld, mit dem in fabrikmäßigem Betriebe nach auf derSchule erlernten Anweisungen diese Kunstvereinsware hergestellt wurde.Einige fleißig und wirknngsvvll gemalte Einzelheiten erwecken denSchein der Naturtreue und eiu schöner, goldiger oder brauner Ton,der sogenannte Atelierton, mußte dem Ganzen den Schein der Ein-heitlichkeit verleihen. Das war nach Seidlitz' Ansicht der vielgerühmteRealismus. So trennt nur der Zeitraum von wenigen Jahrendas Urteil zweier in derselben Stadt lebenden Männer, von denender eine in jener Knnst nnr Realismus sieht und deshalb seineVerachtung in nicht minder rücksichtsloser Form ausspricht, als derandere, der in ihr keinen, wenigstens keinen ernsten Realismus er-kennt und nun daraus ihre Schwäche ableitet. Der eine ein be-rühmter Künstler, der andere ein als feinsinnig anerkannter Kunst-gelehrter. Wer aber hat recht? War jene Knnst realistisch wie ihreMeister und die Feinde ihrer Jugend glaubten: oder war sie es nicht,wie die folgende Zeit und die Feinde ihres Alters ihr höhnend an denKopf warfen! Oder sollten beide unrecht haben? Ist der Realis-mus vielleicht gar nicht eine dem Kunstwerke innewohnende Eigen-schaft, sondern nur der Name für ein Verhältnis zwischen Beschaner