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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

und Kunstwerk, zwischen Schöpfer und Kunstwerk? Nämlich sür dasVerhältnis, das sich durch Anstreben der Natnrwahrheit erzengt,ganz unbekümmert darum, in wie hohem Grade diese Wahrheit er-reicht wird. Uud wäre dann nicht Seidlitz' Anschauung mindertief gefaßt, als jene HähnelS? Die Meister der Zeit um 1860suchten die Wahrheit, sie erreichten eine andere, als die Seidlitz fürrichtig hält; wie denn jedes Volk, jede Zeit die Wahrheit anderssieht, anders darstellt. Jede Kuust wird von uns danach abgeschätzt,in wie hohem Grade sie selbständig ist. Der Kunstgelehrte wirftder Pilotyschule trotzdem vor, daß sie nicht die Wahrheit der Folge-zeit hatte; er ist zn sehr in seiner Zeit besangen, um zu erkennen,daß auch die Gegenwart mir eine bedingte Wahrheit besitze; unddaß eine Anschauung kommen mnß, die auch die junge Wahrheitals eine geschichtliche erst aus ihrer Zeit begreife» und sie nach demWert für ihre Zeit abschätzen lernen wird. Die moderne Kritikist mit der alten Ästhetik darin immer noch einer Ansicht, daß eseine rechte Wahrheit, eine rechte Schönheit gebe und daß sie inderen Besitz sei. Wären die modernen Kritiker ebenso scharf in derBeurteilung ihrer selbst als in der der Kunst, so würden sie er-kennen, daß ihr Urteil veraltet ist, obgleich es sich so sehr moderngebärdet; daß sie als Kritiker zur romautischcu Schule des Springerund anderer Kunsthistoriker gleicher Richtung gehöre», nicht um einDeut schulfreier, geistig selbständiger sind als etwa Lindenschmit oderPlockhorst; daß ihre Kritik nicht selbstschöpserischer ist, als die vonihnen gehöhnte, ältere Knnst es gewesen ist.

Wo sitzt in Deutschland denn eine selbstschöpferische Kritik?Ich höre sie gern im Mnnde der Künstler, die aus alter Kunst znneuen Werten vordrängen. Dort ist die Einseitigkeit, die Miß-achtung der Alten berechtigt. Aber ich glaube nicht, daß jedem, dersich aus Liebermann oder Klinger einschwört, damit das Recht ge-geben ist, alter oder nener Kunst die Leviten zu lesen. DasselbeUrteil in verschiedenem Munde ist ein anderes. Man soll Urteileso wenig nachahmen wie Knnstformen! Jene Maler sind Mitkämpferim Streit; die Kritik aber thut, als weun sie außer dem Streitestehe, als weun sie Nichter sei. Das Urteil der Künstler ist Erklärungihres Wollens und Strebeus; im Mnnde der Kritik wird es leicht Über-