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VI. Die historische Schule.
die vorhergehende Überschätzung des Inhalts, ein vorbereitenderSieg der Rechte der Knnst in der Kunst nach ihrer Unterjochungdurch die Wissenschaft. Makart war ein sicherer Beobachter, eintüchtiger Zeichner, es fehlte ihm keineswegs an thatsächlichem Wissenin der Kunst, das heißt an Kenntnis der Naturerscheinungen. Aberseine Absicht ging nie auf die unbedingte Richtigkeit der Wieder-gabe ans, sondern ans den farbigen Reiz. Diesen sah er vor allemim Frauenleib, und er ermüdete nicht, die feinen Tonschwankungender Haut mit einer überraschenden Sicherheit von Auge und Handfestzuhalten. Das Nackte war ihm, dem deutschen Etty, die höchsteAufgabe einer für das feine Abwägen malerischer Werte empfäng-lichen Kunst; die Franenschönheit das Ziel seiner Darstellung. Nichtum des einzelnen Weibes willen; denn die Züge des Gesichtes, dieSonderbildungen des Körpers, das was das Ich ausmacht, be-schäftigt ihn weniger. Er malt die Weiber um der Feinheit ihrerFarben, um der Weichheit ihrer Muskeln, um des Glanzes ihrerGlieder willeu. Nicht minder liebt er prunkende Stoffe, namentlichsolche im Verhältnisse von tiefem Rot zu bräunlichem Gelb; liebter Blumen, Früchte, Fische, Marmor, alles was farbig bewegt,schillernd, von vielen Tönen berührt und doch iu sich harmonischist. Er steht im Gegensatz zn Rubens, der ein paar kräftige Farbennebeneinander stellt uud sie in ihren Massen zu einer großen Wirkungaufbaut; Makart liebt deu verschwimmenden Umriß, das Durch-dringen jeden Tones mit der Hauptfnrbe des benachbarten, die breitfließende Mischung- der Töne. Und er erreicht koloristische Gesamt-wirkuugen, die man mit Unrecht als von Paolo Beronese entlehntbezeichnete. Denn dieser ist weit klarer, fester im Einzelton, ent-schiedener im farbigen Ausbau, während Makart weicher, beweg-licher, dekorativer ist. Bei dem Italiener herrscht noch die Zeich-nung, sie schuf den Entwurf; bei Makart herrscht der Ton, ihmbeugt sich die zeichnerische Behandlung.
Makarts Knnst ist durchaus sinnlich. Alles was gegen ihreUnsittlichkeit gesagt wurde, mag schön und gut seiu im Sinne derBolkserziehuug. Es hat den Künstler nicht berührt. Denn wenneiner unbefangen war in seiner Sinnlichkeit, so war es Makart .Ich meine nicht, daß Unbefangenheit gleichbedeutend sei mit jener