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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

zitternde, zuckende Leben siegte über die Hofmeisterei der Kunst-denker. Viele von ihnen verließen kopfschüttelnd den kritischenSchauplatz, am Geiste ihres Volkes verzweifelnd.

Der heiße Blumendnft, der Makarts Bilder nmgab, ist ver-flüchtet; die Farben, die er anwendete, haben schwer gelitten: dieZiele, die er verfolgte, sind nicht mehr die unseren; die Siege, dieer erkämpfte, gehören der Geschichte an. Nur noch wenige führendie Anregungen fort, die so mächtig nicht nur sür die Malerei,sondern namentlich anch für das Knnstgewerbe von ihm ausgingen.Makart ist der einzige deutsche Künstler unseres Jahrhunderts, dereinen thatsächlichen Einfluß auf die Mode hatte. Auch diese hatsich längst geändert. Man hat den vielgeliebten Meister selbst inWien , der Stadt, der er so lange den eigensten Ausdruck gab, zuden Toten gebettet, ihn nnd seine Kunst.

Änßere Schicksale und künstlerische Gegnerschaft haben AnselmFeuerbach als den vollkommensten Widerspruch gegeu Makarterscheiueu lassen. Nennt er doch den wahnwitzigen und wahn-seligen Dekorationsschwindel das sressende Gift, welches die Kunstverzehrt. Wer iu asiatische Prnnktevpiche eingehüllte Schemen ohneFleisch und Knochen für große Kunst hält, der besehe sich die altenItaliener, die alle von tiefster Ehrfurcht sür die Natur beseeltsind. Der Künstler soll der menschlichen Erscheinung gerecht werdenund denke dann an die etwaige Bekleidung. Wer mit dem Schneideranfängt, bleibt gewöhnlich bei dem Handwerk! So und ähnlichäußert sich Feuerbach an vielen Stellen, Und doch, verglichen mit denAnschauungen, die vor dem Auftreten beider Künstler herrschten, sindsie einer Meinung, arbeiten sie ans gleichen Überzeugungen heraus.Nur sindet Feuerbach, der Denker, Worte für sie, aber sie passenauch für Makart . Der deutsche Künstler, sagt er, auf die Zeit derCornelius, Schadow, Lessing hinzielend, fängt mit dem Verständeund mit leidlicher Phantasie an, sich einen Gegenstand zu bildenund benutzt die Natur, nm seinen Gedanken, der ihm höher dünkt,als alles äußerlich Gegebene, auszudrücken. Dafür nun rächt sichdie Natur, die ewig schöne, und drückt eiuem solchen Werte denStempel der Unwahrheit aus. Der Grieche, der Italiener hat esumgekehrt gemacht; er weiß, daß nur in der vollkommensten Wahr-