404
VI. Die historische Schule.
schaffenden Künstlers. Mag sich nun aus all diesen Urteilen derLeser selbst einen Vers auf deu Maler oder auf die Kunstrichtermachen — eines steht sest, daß beide einander nur selten rechtverstanden.
Vielleicht ist es einem Nachlebenden leichter, sich in SchirmersKunst zurechtzufinden. Er hatte Achtung vor der Natnrwahrheitnnd konnte nicht mit den Dingen in der Landschaft so umspringen,wie es Rottmann that. Er war feinsinnig genug, um in derNatur mehr zu sehen als Ton und Massen. Wenn er fleißigstudierend in der Natur saß, spielten sich in ihr vor seinem GeistVorgänge ab, die er aber nicht festzuhalten vermochte. Er sah denErlkönig in den alten grauen Weiden , aber er konnte nur die altenWeiden malerisch wiedergeben. Das ist der Zwiespalt seines Schaffens,lind da suchte er denn fleißig zusammen, was in seine Landschaftenhineinpaßte, lehnte sich an Bibel und Dichtung an, um durch sie seineStimmung zu erklären, die er weder durch die Kraft der Töne nochdurch die Kraft der Phantasie auszudrücken vermochte. Weuu Riegeldie iunere Zusammengehörigkeit dieser Bilder rühmt, so gefallenihm gerade die Schwächen der Bilder. Nehme man, sagt er, dieFiguren aus ihnen heraus, so nehme man ihnen den Charakter.Wer das wolle, habe Schirmers Absichten nicht begriffen, seinedurchweg poetischen, tief empfundenen Schöpfungen nicht verstanden,da Handlung, Art der Natur und Stimmung der Landschaft einesseien, das Ganze erst aus dem innigsten, ungezwungensten Zu-sammenhang dieser Teile entstehe. Riegel sah Wohl was Schirmerwollte, aber er scheint mir das Erreichte zu überschätzen.
Wie diese Teile aber zu Einem zu schaffen seien, das haterst Vöcklin gelehrt, Schirmers größten Schüler. Erst verhält-nismäßig spät kam Böcklin mit sich ins klare. Er war in denNiederlanden, in Paris gewesen, kam 1850 nach Rom . Dort stand ervor allem Heinrich Franz-Dreber nahe, einem Schüler LudwigRichters, der ja auch wie Schirmer als Maler Italiens zur histo-rischen Schule gehörte. Wenn man Franz Drebers BarmherzigenSamariter von 1848 und seine Idyllische Landschaft von 1858,beide in der Dresdener Galerie, mit gleichzeitigen Bildern Böcklinsvergleicht, in Farbenbehandlung, Verhältnis von Natur zur Staffage