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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Rietschel. Realistische Denkmäler.

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Man empfand eben das Ältere für erträglicher als das Neue.In zahlreichen Werken nahm man auch die Tracht späterer Zeitenauf, gewöhute sich nach und nach an die einst so heftig befehdetenErscheinungen der Bildnerei. Den Schluß der Entwickelung bildetRietschels trefflicher Lessing in Braunschweig , bei dem zuerst wiederdie Realität des alten Schadow annähernd erreicht war. Rietschelbewies der Welt, daß die Darstellung im Zeitkostüm auch auf Dichterohne Schädigung des geistigen Wertes anwendbar, ja, daß sie not-wendig sei. Würdige Ergebnisse könne sie auch hier erbringen, selbstohne den von Rauch eingeführten Mantel. Es handelt sich hierbeiim Grunde nur um die Rückeroberung eines vor einem halbenJahrhundert verlorenen Postens.

Seitdem ist die Zahl der Statueu immer gewachsen. 1859konnte Springer noch über die Denkmalwut der Engländer höhnen,die jede öffentliche Gartenanlage, jedes Square und jeden Platzmit einer Bildsäule bepflanzen. Heute geben wir ihnen nichts mehran Denkmaleifer nach. Alle möglichen Stellungen und Bewegungensind erschöpft, das Kuustgebiet ist völlig abgegrast. In Rüstnngund priesterlichem Gewand, Ordenskleid oder Anzng des Lands-knechts, in den Trachten aller Jahrhunderte, zu Pserde und zuFuß sind Statuen gebildet. Man hat sie stehend nnd sitzend,einzeln uud mehrere vereint dargestellt. Wenn schon damals dieBildner klagten, daß trotz den zahlreichen Austrägen ihre Kunst einsieches Leben führe, so meinte Springer noch, der Realismus werdesie zu ihrer Gesundung führeu; sie kranke an dem Wahne derKünstler, alle frische Naturwahrheit müsse der Stilisierung geopfertwerden. Wir dürfeu in der historischen Skulptur von der Forderungliebevoller und treuer Wiedergabe der realen Erscheinung uicht ab-gehen, rust er aus. Wo diese unzulässig ist, müssen wir auf dieplastische Verkörperung überhaupt verzichten.

Der Realismus, deu er meinte, war jener, den Thorwaldsen,Rauch, Rietschel angeregt hatten. Er erstreckte sich noch immer aufdie Frage, ob man die Gestalten griechisch bekleiden solle oder nicht.Die Zeit Friedrichs des Großen war dem Ästhetiker von damalsnoch ein Ausbund des Geistlosen, Mißgeformtcn nnd Unkünstlerischen;konnte der Bildhauer diese wieder aufnehmen, in der auch Spriuger