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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

nur leichtfertige Buntheit mit steifer Nüchternheit und anspruchs-voller Armseligkeit zu doppelt lächerlichem Eindruck gepaart sah, sowar die Frage endgültig entschieden: Durch tiefe Wahrheit der Auf-fassung, klares uud scharfes Kennzeichnen, Innigkeit und liebevollenErnst sei die undankbare uud uuplastische Aufgabe lösbar. Rietschelist damit, daß sie ihm bei seinem Lessing gelang, für Springer einnationaler Künstler geworden, habe diesen Ehrennamen verdient, dernnr auf wenige unserer modernen Bildhauer Anwendung finde. DerLessing im Rock ist ihm deutsch !

Lange Zeit war man vom Stande der deutschen Bildncrei inhohem Grade befriedigt. Man braucht nur die Handbücher derneueren Kunstgeschichte durchzuleseu, nm zu sehen, wie glücklichdie Bildner die Absichten der Kunstfreunde trafen. Überall ent-standen Denkmäler für bedeutende Männer in einer für sie be-zeichnenden Bewegung und Kleidung; die Kunst sich in fremde Zeitenzu versetzen, erschien außerordentlich entwickelt. Thatsächlich aber,wenigstens für uns Nachlebende, erscheinen sehr wenige der Statuenhalbwegs echt. Man hat nicht die Ansicht, es stehe da oben einMann des 12. oder 16. Jahrhunderts, sondern es bleibt ein solcheraus dem 19. Jahrhundert, der alte Kleider anzog. Ja selbst dieLeute aus jüngster Zeit sehen verkleidet aus. David, der PariserKlassizist, zeichnete seine Gestalten erst nackt, mit hoher Vollendungund sorgfältigster Durchbildung und zog ihnen dann erst Gewänderan. So uicht nur bei Darstellungen der Antike, sondern auch beisolchen moderner Vorgänge. Nur so, sagte er, ist der Maler sicher,die Gestalt richtig aufzubauen; denu er mnß wissen, was unterden Röcken und Hosen sitzt. Ebenso arbeiten die Bildhauer nochheute. Sie versichern, es sei nötig so. Aber der Erfolg ist, daßsie angezogene nackte Männer machen. Das sind wir im Leben jaauch, aber wenn man uns unserem Wesen nach bilden will, so mußder Zustand der Ungezogenheit die Richtung weisen, uicht der unsungewohnter Nacktheit. Mir will scheinen, als sei die ganze Bildnereiaus dem grundsätzlichen Abscheu gegen das Kleid nicht heraus-gekommen, als laste der Abfall von der Antike ihr schwer auf demGewissen, so daß sie nie ganz zum iuneren Frieden kommt.

Die begeisterten Denkmalausschllsse waren die Verführer. Jeder