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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Geschichtlicher und künstlerischer Wert. Die Aufstellung. 413

hatte seinen großen Mann und wollte anch, daß er deshalb großdargestellt werde. Daß diese Größe innerlich werde, lag nichtin seiner Macht, er sorgte daher nm so eifriger für die äußerliche.Mau konnte doch einen General nicht kleiner als Goethe, denStaatsmann nicht kleiner als den Volksmann bilden und umgekehrt.Groß uud auf hohem Sockel! Dies war das Ziel. Die Verehrungwnrde mit dem Zollstock meßbar. Und wenn das Geld da war,mußte der Sockel mit allerhand allegorischen Gestalten umgebenwerden. Die Allegorie, die sonst als zu langweilig so ziemlich ausder Kunst verdrängt war, blühte in der Denkmalbildnerei neu auf.Hunderte von idealen Weibern, die etwas vorstellen, was sie nichtsind, und denen man nur an den Attributen in den Händen an-merkt, was sie vorstellen sollen, sitzen in den deutschen Städtenherum. Nimmt man der Stärke die Keule und giebt sie der Weis-heit in die Hand, so ist sie die Stärke. Und bindet man der Ge-rechtigkeit das Tuch von den Augen und um die der Stärke, sohat man nur eine dickere Gerechtigkeit. Ich bin leider dick nndverbitte mir, daß mir deshalb der Sinn für Gerechtigkeit, die Mög-lichkeit sie darzustellen, abgesprochen werde; man nimmt mir damitmeine Würde als Schöffe beim Dresdener Amtsgericht!

Der unglückliche Gedanke, alle Bildsäulen ans Straßen undPlätze zu stellen hat wohl am meisten geschadet. Auch er zwangzu großem Maßstabe, da das Denkmal im Verhältnis zur Um-gebuug bleiben mußte. Je moderner der Platz, desto größer anch dieGestalt, zumal da bei ihrem unglücklichen Ordnungssinn Alle daraufdrängten eine Bildsäule womöglich in der Mitte des Platzes auf-zurichten. Mit der Größe konnte aber die Verfeinerung nicht wachsen.Der Rockknopf wird nicht geistreicher, wenn er auch zehn Centi-meter groß ist, nnd die Nase wird es anch nicht, wenn sie sichzum Turme ausbildet. Der Grad der dem Bildhauer gestattetenWahrheit stand während der ganzen Zeit ziemlich fest. Manforderte die volle Deutlichkeit ohne zu weit gehende Sachlichkeit.Über den Verismo der Italiener, welcher Wolle als Wolle undHornknöpfe als Hornknöpfe darstellte, lachte man. Er erschien un-künstlerisch. Der Bildhauer hatte zwar deu modischeu Schnitt desGewandes erobert, aber das Gewebe war noch jener ideal antike,