444
VI. Die historische Schule,
Es War eine That, die bei den jungen Bauleuten Berlins stürmische Begeisterung erweckte, das; er für den Bau des Rathausesin der preußische« Hauptstadt 1857 einen gotischen Entwurf lieferte.Es war ein Meisterwerk, das hoch über dem stand, was die rhei-nische Schule bisher geleistet hatte. Die Gotik schien ihrer Starr-heit, ihrer doktrinären Spitzigkeit mit einem Schlage entkleidet, be-fähigt, den vielseitigen Anforderungen eines Verwaltuugs- undFestgebändeS gerecht zu werden; denn nnch große VersammlmigS-säle sollte der Bau enthalten. Dieselbe Gegnerschaft, mit ersich die herrschende Berliner Anschauung leidenschaftlich gegen dieRückversetznng ihrer Stadtverwaltung in ein Hans des finsterenMittelalters siegreich behauptete, wiederholte sich in Wien , alsSchmidt für das Akademische Gymnasium 1863 einen gotischenEntwurf lieferte, hier ohne Erfolg. Sie klangen mir noch leisenach, als Schmidt am Wiener Rathanse seit 1869 seine für Berlin niedergelegten Gedanken in reiferer Form durchführen konnte.
Mit vollem Recht sagt der bedeutendste Kritiker für Archi-tektur, der mit umfassender Kenntnis seit einem Menschenalter dieEntwickelnng des deutscheu Banwesens verfolgt, K. E. O. Fritsch ,die Kölner Schule habe ihren Bauteil mir ein Scheinleben zu ver-leiheil verstauben! Die Form ist nicht dem Inhalt, sondern dieserInhalt ist der Form untergeordnet und angepaßt; nicht den Zweckhaben die Entwerfenden, sondern vorzugsweise den Stil ini Auge.So noch an Schmidts ersten Bauten in Wien , deren herbe Strengedie Wiener nicht anzuziehen vermochte.
Der Stefnusdom, dessen Erneuerer er seit 1862 wurde, nuddem er ein außerordentliches Verständnis entgegentrug, lehrte ihnsich vou der Dürre der Kölner Architektur volleuds frei zu machen.Dort stand er schon einer anderen Aliffassnng über die Pflichteil desErneuerers gegenüber als in Köln . Als er gefunden hatte, daß dieschwarze Färbung des Kircheniniiern nicht die Folge der Zeit, sonderneines Anstriches im 17. Jahrhundert sei, und diesen zn entsernenbeschloß, rief er die Maler gegeu sich auf, die mit zweifellosemRecht die alte feierliche Stimmung des Baues gewahrt wisseil wollten.Als er mit seiner Erneuerung an das Niesenthvr, den Rest desursprünglichen srühgotischen Baues trat, machte sich Thansing zum