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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Stilistische Versuche.

Schmidt und die Wiener Gotik.

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Schinket seine Hoffnung aus den Ziegelbau. Verbesserte Verkehrs-mittel brachteil den Berlinern den Stein herbei und schärften ihrarchitektonisches Gewissen dnrch diesen. Langsam gewöhnte mansich an den Wohlstand. Als 1864 an einer Villa die ersten Granit-säuleu ausgestellt wurden, war man sehr in Frage, ob das Herein-ziehen des für den Denkmalbau vorzubehaltenden Steines in denWohnbau statthaft sei; als um 1870 die Villa des Besitzers einerfür das Bauwesen viel beschäftigten Thonwarenfabrik, March, ingotischem Stil, seit 1865 eine solche von Kyllmaun Ä Heydenin französischer Renaissance, seit 1864 eine dritte von Ende indeutscher Renaissance und in nmlerischer Anordnung geschaffenwurden, so zeigte sich zunächst hierin, in dem, ich möchte sagen, mitHumor behandelten Landhansbau, das beginnende Schwanken inder Berliner Schnle. Erst 1871 wagten Ende k Boeckmann diedeutsche Renaissance am Bau eines städtischen Geschäftshauses zuverwerten. Der Bau der Börse und der Reichsbank durch Hitzig,der großen Bankanstalten dnrch Ende k Boeckmann, der Kaiser-galerie durch Kyllmann k Heyden brachten das Berliner Bau-wesen erst zu größerer Breite, zu reicherer Verwendung der sichihm nun darbietenden üppigeren Mittel.

Die Wiener Verhältnisse blieben aber doch in den siebzigerJahren die reicheren. Dorthin brachte Friedrich Schmidt einekräftige gotische Schule. Er war der Sohn eines protestantischenTheologen. Die mittelalterliche Nomantik, mehr noch, wie er selbstsagt, das künstlerisch Ausgebildete des katholischen Gottesdienstes, derZusammenhang zwischen künstlerisch Poetischen und religiöse,? Empfin-dnngen führten ihn zur römischen Kirche. Nach unvollendeten Studieudurch mißliche Umstände als Steinmetz am Kölner Dom Arbeitsuchend, gewann er hier rasch einen leitenden Einflnsz. Seit 18S7wurde er Lehrer der Baukuust in Mailand , seit dem französischenKrieg an der Wiener Akademie. Er blieb dabei ein deutscher Stein-metz im Sinne der Romantik, ein auf seiue gewerbliche Ansbildnng,sein Meistertum stolzer, in einer gewissen Gewandtheit und Derbheitsich gefallender Künstler, trotz der hohen, geistigen Entwickelung, dervolleudeteu weltmäuuischeu Form, der Wohlredenheit, die dem schönenlangbärtigen Manne so gnt zu Gesichte stand.