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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule,

tektur Berlins zu lesen ist, lautet: Was die anderen wollen, daskönnen wir besser. Mit dem Augenblick, da die SchinkelscheSchule verlassen wurde, begauu ein waghalsiges Versuchen mitFremdem: zunächst war Wien das Vorbild. Dort lernte mannicht nnr eine kräftigere Formenbehandlung, soudern dort stärkteauch sein Formengewissen. Trotz aller Tektonik war dem Berliner Banwesen mehr und mehr das Gefühl für das abhanden gekommen,was Semper das Wahrscheinliche nannte. Man stellte großeErker auf dünne Gipskonsolen, in denen die Eisenträger verstecktlagen. Sie hielten ja, aber kein Mensch konnte von außen beur-teilen, warum. Man bildete in Pntz die tollsten Quadernngen, diewunderlichsten Pitasterordnungen, ohne mehr eine rechte Empfin-dung dafür zu habeu, was in Stein wirklich ausführbar ist, weildas Gefühl dafür verloren gegangen war, daß man Steinformennachahme. Die Dürre und Unfruchtbarkeit der Bötticherscheu Ge-daukeu war immer klarer hervorgetreten, je größere Ansprüche diewachsenden Verhältnisse an das Bauwesen stellten.

Die damals jungen Architekten setzten alsbald mit einer Reihevon Versuchen ein; bezeichnend war aber auch für die Folge,ehe die italienische und deutsche Renaissance das Übergewicht ge-wann, eine hellenische Renaissance, die nicht ganz die alte Lehreaufgab, namentlich nicht iu deu Profilen nnd Einzelheiten, aberdoch sich über das Maß alter Strenge hinauswagte. Lucaes Ein-treten sür die reiferen Formen war wohl von entscheidendem Ein-fluß, deuu als leiteude Kraft au der Bauakademie trug er dieneue Lehre iu die Kreise der architektonischen Jugeud. Er griffalsbald nach der Renaissance. Sein Wohnhaus für Borsig inBerlin ist bezeichnend: Einfachste Formen bei großen Abmessungen;die Erkenntnis, daß die Maße eine Rolle in der Wirkung desBauwerkes spielen; daß der verkleinerte italienische Palast, undweun er auch jedes Einzelglied im richtigen Verhältnis wiedergebe,doch etwas anderes sei als das riesige Vorbild; die Erkenntnisferner dafür, daß der bessere Stoff nicht nur eiu Schmnck,sondern eine Grundbedingung höherer Formeusprache sei; daß dasSurrogat der Feiud der Kuust sei. All das kam an diesemund ähnlichen Werken zum Ausdruck. Man setzte nicht mehr wie