Druckschrift 
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
446
Einzelbild herunterladen
 
  

446

VI. Die historische Schule.

treibuug, zur Ermattung führten. Deun das ist der große Schadender Berliner Kunst, daß sie in ihrer gewaltigen Arbeitsleistungüberall zur Steigerung und Übertreibuug der Baugedaukeu führt.Was ist nicht alles seit etwa 1875 in Berlin in deutscher Renais-sance geschaffen worden! Die alle Tage sich mehrende Zahl vonAusmessungen alter Giebel und Thore, Erker uud Türmchen wurderasch verarbeitet, von den bescheidenen Häusern und Schlosserndes 16. Jahrhunderts auf die riesigen Geschäfts- und Mietskasernenübertragen, die Profile übertrieben, die Schwingungen und male-rischen Wirkungen ins Derbste überboten, die Gedanken einer be-scheiden bürgerlichen Kunst ins anfdringlich Lantc übersetzt. AndereGroßstädte folgten dem Beispiel; aber Berlin ist die Stadt, in derdie stilistischen Anregungen der Baugeschichte durch Überfütterungam schnellsten zu Grunde gerichtet wurden.

Hansen wie Schmidt beugten sich vor dem dritten Wettbewerberin der Gunst des kunstgeschichtlich geschulten Zeitalters, vor deritalienischen Renaissance.

Diese hatte in verschiedenen Städten ihre erfolgreichen Ver-treter. In Stuttgart war es Christian Leius, mein ver-ehrter Lehrer, dem ich mehr verdanke, als meine Studiengenossen,angesichts meiner Faulheit im Saale sür Entwerfen wohl glaubenmögen. Leins war ein vorsichtiger feiner Künstler, der der RenaissanceItaliens eines abzulernen nicht vermochte, nämlich die Kraft, diesich namentlich in der entschiedenen Behandlung des Hauptgesimsesäußert. Ähnliche Schwächen zeigen viele der Ersten, die sich demStile widmeten, so der Dresdener Hermann Nicolai , im ge-wissen Sinn auch der Münchener Gottfried Neurenther. DasGleichgewicht der alteu Florentiner wieder zu finden, war Gott-fried Semper vorbehalten.

Semper gehörte zn jenen deutschen Architekten, die wie seinVorgänger iu der Dresdener Professur, Joseph Thürmer , undwie Hansen Athen gesehen hatten. Aber seine eigentliche Schulehatte er in Paris bei Franz Chr. Gau gemacht. Auch dieserwar ein Deutscher, in Köln geboren, doch in jungen Jahren nachParis gekommen, berühmt durch seiue Reisen nach dem Orient, woer bis uach Nubieu drang, vermessend, zeichnend, ganz erfüllt von