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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Die italienische Renaissance. Semper. Der Maximilian-Stil. 447

der geschichtsforschenden Aufgabe des Architekten. Neben ihm wirktein ähnlichem Sinne sein Kölner Altersgenosse I. I. Hittvrff undder Breslauer Karl Ludwig Zauth, der später durch deu Baudes maurischen Schlosses Wilhelm« bei Stnttgart berühmt wnrde.Seit den zwanziger Jahren bilden diese Deutschen durch ihren Fleiß,ihre Gelehrsamkeit und ihre künstlerische Bedeutung ein sehr wich-tiges Glied iu der baulichen Entwickelung der französischen Haupt-stadt. Es war also Sempers Wanderung nach Paris nicht inigleichen Sinn eine solche in fremdes Gebiet wie die der BerlinerMaler. Wohl aber hat er von diesen Freunden eines gelernt, wasihn auch als Theoretiker z.B. von Bötticher unterscheidet: Nämlich,daß er sich durch das Sehen von Bauten, nicht durch die ästhetischeUntersuchung von Bauaufnahmen auszubilden trachtete; daß erweniger darauf ausging, die richtigen Gesetze für alle kommendeKunst festzustellen, als jene zn begreifen, die sich in vergangenenWerken wirksam äußerten.

Semper stellte die Renaissance über die Antike. Damit öffneteer die Bahn für eine neue Auffassung der Ziele des Baumeisters;er gab dem Idealismus eine neue Richtung. Denn bisher hattendie Versuche, die mit diesem Stil sowohl wie mit allen möglichenandern gemacht worden waren, doch nie zn befriedigenden Er-gebnissen geführt. Nirgend empfand man dies mehr, als iuMünchen, wo sich die von König Ludwig I. nuternommenen Ver-suche drängten. König Maximilian II. suchte diesen Fehler in seinerWeise zu heben. 1851 erließ er ein Preisausschreibeu, das uichtsGeringeres anregte, als daß eine neue Bauart, ein Stil gesuchtwerde. Der König war der Ansicht, die Zeit für das Anweudeualles dessen, was das Nachdenken in den Kunstboden gesnet hatte,sei nun endlich gekommen. Wir leben nicht mehr, sagte das Aus-schreiben, in der Zeit des überreizten naturnvtwendigen Schaffens,wodurch früher die Bauordnungen entstanden, sondern in einerZeit des Denkens, Forschens, der selbstbewußten Überlegung. DieBaukunst aber zeige ein Schwanken zwischen klassischer und roman-tischer Art,die aber selten nicht ganz rein gegeben werde". NeueFormen, Umbildungen der alten würden dabei verwendet. Es seiein Bedürfnis des Geistes, nach Neuem zu trachten, nicht bloß das