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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

schvn Dagewesene vollkommen oder unvollkommen nachzuahmen,sondern Neues zu schaffen. Als die Grundideen unserer Epoche,fährt das Ausschreiben fort, kaun man teilweise das Streben nachFreiheit bezeichnen, nach freier Entwickelung und zwangloser Übuugaller physischen und moralischen Kräfte. Die Verhältnisse desVölker- uud Staatslebeus seien andere geworden. Sollte es nichtgelingen, für sie einen neueren Stil zu schaffen, der sich wie einstdie Reuaissauee aus dem Bekannten als Selbständiges entwickle!Sollte es nicht möglich sein, zweckmäßig, deutsch und doch neuartigzu bauen, aus dem mit so viel Eifer durch die Wissenschaft wiedereroberten Stilen ein eigenartiges, schönes, wohlgcgliedertes Ganze zugestalten?

Das Ergebnis dieses Ausschreibens waren die Bauten derMünchener Maximiliansstraße. Sie sind recht langweilig aus-gefallen; die Stilmischung, die sich als neuer Stil giebt, ist rechtungeschickt und kunstlos durchgeführt, das Ergebnis der Bemühungeniu München war rein verneinend. Alle, die von vornherein gesagthatten, daß Stilreinheit die Grundbedingung jeder Kunst sei; alle,die einen bestimmten Stil als allein sür die Neuzeit oder fürDeutschland geeignet erklärten, hatten leicht jubeln, den voraus-gesagten Mißerfolg feststellen. Und es waren der strengen Stilistenrecht viele. Die Hellenen in Berlin, München und Wien , dieRomantiker Gärtnerscher Schule iu Müucheu, Wieu, Hannover , dieGotiker strenger Richtung am Rhein , die auf das FrühchristlicheEingeschworenen in Baden und die Renaissanceverehrer in Stutt-gart und Dresden : alle waren sich darüber klar: So wie man inMünchen wolle, gehe die Sache nicht.

Julius Meyer schrieb diesem Versuch 1863 eine sechzig Seitenlange Leichenpredigt, ohne ihn ganz klein zu kriegeu; 1865 kämpfteer nochmals dagegen. Lübke wurde über ihn witzig, was sonstseine Art nicht war; von allen Seiten fiel man auf ihn ein esging ihm wirklich herzlich schlecht. Trotzdem war der Gedanke soübel wohl nicht, nur die Ausführenden waren ungeschickt im Ent-werfen. Wer die heutige amerikauischc Banknnst, wer das im Rück-schlag dieser iu Deutschland Geschaffene durchsieht, der wird sichsagen müssen, daß dort der Weg gefunden ist, auf den König Max