Der Maximilian-Stil, — Sempers Stilauffassung.
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wies. Und zwar scheint es auf den ersten Blich als wäre er gefunden,weil die neueren amerikanischen Architekten kunstgeschichtlich schlechtervorgebildet, also naiver seien, als die bayerischen von 1850 oder1860. Naiv heißt unbefangen, in diesem Falle aber nicht vielweniger als ungebildeter, als minder vertraut mit dem, was ver-gangene Zeiten schufen. Leider zeigt sich bei genauem Hinsehenaber, daß wir den Amerikanern die Gottesgabe größerer Unwissen-heit nicht zusprechen dürfen. Gerade dort werden sehr eifrigestilistische Studien gemacht und zweifellos hat ein Architekt wieHenry Nichardson, der berühmte Erbauer der erstaunlich naivenDreifaltigkeitskirche in Boston , deren mehr betrieben als FriedrichBür klein, Eduard Riedcl oder sonst einer der Meister der so-genannten Streck-Lisenen-Ordnuug; zweifellos war das Leben inNew-Iork und Boston schon 1860 weniger zur Entwickelung derNaivetät geeignet als jenes in München . Die Schilderungen ausdem Lederstrumpf mit ihren unerhört hochherzigen Trappern undDelawaren trafen auf den damaligen Zustand Nordamerikas nichtmehr ganz zu. Nicht größere Unbefangenheit, sondern größeresKönnen brachte dem Versuche hier die Ersolge, die sie iu München nicht hatten. Den Architekten Münchens fehlte noch das Können,um die alte Kunst geistig zu verarbeiten; sie hatten die altenStile zu sehr in jener Abstraktion kennen gelernt, die sie anseinige wenige gute Formen zurückführte nnd den bildenden Reich-tum als unreif oder Verfall ablehnen ließ. Die Beschränktheitdes deutschen Idealismus hing ihnen als Bleigewicht an denFüßen. Das knrze Gedärm hatte sie wieder verhindert, die Stilezu verdauen!
Die neue Schule, die sich in den fünfziger Jahren die Bau-kunst zu beherrschen anschickte, Semper an der Spitze, wandtesich der Renaissance zu als fertiger Erfüllung dessen, was manvergeblich nen zu schaffen trachte. Semper erklärte sich sehr ent-schieden gegen die Antike und gegen die Gotik, als die Hauptgegnerseines Stiles. Nicht als ein Verächter ihrer Schönheiten, sondernweil sie ihm nicht alle Fähigkeiten in sich zu vereinen schienen,die wir heute vom Bauwesen fordern. Die Renaissance alleingebe den Bauten ein ihr Wesen erklärendes Schaubild, indem sie
Gurlitt, 19. Jahrh. 29