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VI. Die historische Schule.
die von den Griechen gefundenen Einzelformen sinnbildlich verwertet.Sie nehme diese ebenso auf, wie die Raumkunst der alten Römeruud schaffe somit Werke, die nicht nur dem Bedürfnis ent-sprechen, sondern sich „zu zweckdienlicher Idealität emanzipieren",also zn einer höhereu Zweckerfüllung befreien. Hierin sei die Ent-wickelung noch lange nicht abgeschlossen. Die Renaissance in ihrerBildsamkeit habe vielleicht ihre beste Zeit noch vor sich. Wie sieeine Wiederaufnahme eines in seinen äußeren Formen entlehnten,des römischen Stiles sei, so sei eine zweite solche Renaissance auchheute möglich. Denn Stil ist für Semper die Übereinstimmungeiner Knnsterscheinnng mit ihrer Entstehungsgeschichte, mit allenVorbedingungen und Umständen ihres Werdens. Zu diesen geschicht-lichen Vorbedingungen gehört ihm auch die Kuustentwickelung, alsderen Ergebnis jeder Einzelne erscheint. Semper wollte, daß sichder einzelne Künstler als Schüler der ganzen vorhergehenden Zeitsuhle. Wir sollen uns bestreben, sagt er, mit männlicher Reife desWissens geuug Unbefangenheit, Freiheit uud Phantasie zu ver-binden, um die Aufgabe, die vorliegt, mit Selbständigkeit, aber auchmit Rücksicht auf das Vorausgegangene genügend zu lösen. Dasletztere ist um so notwendiger, als selbst der Eindruck, den ein Bau-werk auf die Massen hervorbringt, zum Teil auf Gedächtnisbildernbegründet ist. Ein Schauspielhaus muß durchaus an ein römischesTheater erinnern, wenn es „Charakter" haben soll; ein gotischesTheater ist unkenntlich. Kirchen in altdeutschem oder selbst imRenaissancestil des 16. Jahrhunderts haben für uns nichts kirch-liches. So muß nach Semper ein Gerichtshaus die Art des Dogen-palastes, eine Kaserne jene der mittelalterlichen Befestigungen, eineSynagoge die orientalischer Bauten tragen. Es ist derselbe Gedankewie bei Lenbach . Semper sieht die Kunstwerke durch die kunst-geschichtliche Brille, er schlägt einem neuen Auftrage gegenüber zu-nächst im Buche seines großen kunstgeschichtlichen Wissens nach, biser findet, wie dieser am besten früher behandelt worden sei und nimmtihn dann in Fortbildung des Alten auf.
Er ist dabei sehr viel freier in der Wahl als andere Zeitgenossen.Semper hat in allen Stilen gebaut, weil er in allen Stilen für be-stimmte Aufgaben eigenartige Lösungen fand. In dem Gedanken, daß