Druckschrift 
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
451
Einzelbild herunterladen
 
  

Sempers Stilauffassung.

451

der moderne Baumeister alle altere Kunst zu seinem Eigen habe, daßer sich jede nutzbar machen dürfe, stimmt er mit den Münchenernüberein. In der Behaudluug der Stile weicht er von ihnen ab.Er will echt bleiben, er hält sich innerhalb der dem jeweiligenZeitalter eigenen Formgebung. Aber er will nicht nachahmen, son-dern in den Formen der verflossenen Zeit ebenso wie im Geist dernenen schaffen. Immer mehr drängt ihn dieses Streben auf dieRenaissauee, denn die von ihr gelösten Aufgaben stehen den modernenam nächsten.

Die von Semper erhoffte Feststellung des Gesamtbildes be-stimmter Bauarten blieb aus. Er selbst widersprach ihr. Ju Deutsch-land war die Säulenhalle zum Schaubild eines Museums geworden.In Berlin, in München , aber auch im Britischen Museum zuLondon und, durch Zufall, am Louvre in Paris war sie zu be-obachten. Italien hat, abgesehen von der Villa Albani in Rom ,keine Vorbilder. Semper kümmerte sich nicht darum und wühltedoch den italienischen Palazzo zum Vorbild für sein Dresdener Mnseum. Denn er wollte nicht ein zweigeschossiges Gebäude hintereine eingeschossige Schauseite pferchen. Mit gleicher Selbständigkeitging er bei seinem EntWurfe für die Nikolaikirche in Hamburg vor.

Die Zeit eines künstlerischen Aufschwunges, den Dresden nachÜberwindung der letzten Mengsschen Anklänge genommen hatte, gabSemper Gelegenheit, seine Grundsätze zur sachlichen Durchführungzu bringen. Aber wenn anch die Bildhauer Nauchscher Schule, vorallem Hähnel, ihn befriedigten, so hat er sich doch sachlich wenig zuHübner und Bendemann hingezogen gefühlt, die damals nebenSchnorr vou Carolsfeld nach Dresden gezogen worden waren. DerZug der Zeit und seine Bildung wies ihn, wie den neben ihmthätigen Richard Wagner nach Paris . Gau, Hittorf, Gilbert,Lesucur, Labroustc sind die Architekten, mit denen er am meistenübereinstimmte. Italien war die Heimat der Formen, die er vorallen liebte, Frankreich lehrte sie geistig verarbeiten. Gemeinsammit dem Zug der Zeit drängte er auf größere Farbigkeit. SelbstBramantc erschien ihm kahl, wenigstens das, was man in Rom fürBramante hielt, die Caueellaria und Ähnliches. Er wollte stärkere

Gegensätze, breitere Schatten, bewegtere Flächen; er wollte durch

29*