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VI. Die historische Schule.
starke Gliederung ersetzen, was die Antike durch die von ihm eifrigverteidigte Bemalung der Tempel erreicht habe. In der Innen-dekoration nahm er die pompejanischen Anregungen lebhaft auf,ebenso die auf gleichen antiken Quellen beruhende SchmuckweiseRafaels und seiner Schüler; er beries Frauzosen nach Dresden ,als es galt, das neue Hoftheater auszumalen, gewerbliche Erzeug-nisse herzustellen.
Der Ausstand von 1849, in den Semper verwickelt war,unterbrach seine Dresdener Thätigkeit. Er ging nach London undnahm Teil an den Bestrebungen, die zur Errichtung des South-tcnsington-Mnseums sührten. Noch vor einigen Jahren sah ich ineinem Winkel der Riesensammlung ein Modell, das Semper fürden Bau geschaffen hat. Dort fand er auch die Mittel zu seinenForschungen über die Gesetze der gewerblichen Künste, die er inseinem berühmten Buch Der Stil niederlegte, dem Werke, das zuerstin die Festnng der Bötticherschen Theorie Bresche legte. Dennseiner ganzer Denkweise nach konnte Semper nicht annehmen, das;die antiken Säulenordnungen fertig geboren feien; er mußte sie alseine Ausbildung hergebrachter Formenbilder erkennen. Darumuntersuchte er auch gerade die einfachsten ältesten Schöpsungen desKunsttriebes, ähnlich wie der Sprachforscher ans die Urbildungender Silbe, des Wortes zurückgreift; an ihnen fand er die Gesetzeseiner praktischen Ästhetik festgelegt; vor Erfindung der Großkunstseien sie entwickelt gewesen; diese habe erst aus den einfachenFormenbildern ihre Sprache entlehnt. Dieses Hinweisen auf dieKleiukunst war vou tiefster anregender Kraft, nicht nur für dieWissenschaft, sondern auch sür das neue Gewerbe. Semper dehntedie Untersuchung aus und wies die entwerfenden Künstler auf Dinge,die, bisher wenig beachtet, der Mode überlassen worden waren; erlehrte die Bedingungen des Stoffes untersuchen und die aus ihnensich ergebenden Formen; er lehrte die Zwecke beobachten, die dieseFormen wandeln; die Ausschmückung betrachten, wie sie Formenanderer Kuustgebiete entlehnt, auf neue überträgt und hierdurch zuweiteren Umbildungen anregend wirkt. Dabei ist er nicht wie Botticherdarauf aus, festzustellen, wie die Formen hätten sein sollen, wenn sieals vollendet angesehen werden dürfte; er schließt nicht die Mehrzahl