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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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453
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Praktische Ästhetik,

Pariser Beziehungen.

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der Erzeugnisse aller Stile und selbst jeuer Griechenlands von derhöchsten idealen Kuust ans; vielmehr sucht und fiudet er iu jedem Stildie besonderen Gesetze, die sich aus Zweck, Stoss und Schmuck-bedürfnis ergeben; er stellt nicht die Zweckerfüllung, nicht die Kon-struktion allein, wie es die Gotiker thaten, nicht die vom Stoss undZweck getrennte, lediglich sinnbildlich zu fassende Zierform allein,wie die Hellenisten wollten, an die Spitze der Betrachtung; sondernsucht sestzustellen, inwieweit sie sich gegenseitig bedingen und er-gänzen.

Die Gotiker jener Zeit hielten an dem Grundsatz fest, daß dieKonstruktion die Grundlage der Formgebung sein müsse. Anch siewirkten zweifellos anregend auf das gewerbliche Schaffen und überdieses hiuaus auf die Baukunst. Sie stützten sich, seit sie erkannthatten, daß ihnen die deutsche Gotik nicht eine hinreichende Formen-fülle zu Gebote stelle, auf französische Vorbilder. Es ist dies nichtso zn verstehen, daß Deutschland den Gedanken von Frankreich entlehnt habe. Im Gegenteil. Der Kölner Gau, Semvers Lehrer,war es, der die in seiner Vaterstadt znerst gegebenen Anregungennach Paris trug; er war der erste in Frankreich , der eine Kirchein gotischen Formen neu aufführte, St. Clotilde, die uoch invorwiegend rheinischen Kathedralformen 1846 begonnen wordenist; er war es, der eine Reihe von Pariser Kirchen stilgerechtwieder herstellte. Als 1830 Victor Hugo seinen Roman I^vtreI)am<z äs ?ari8 schrieb, der in Deutschland kaum weniger gelesenwurde als iu Frankreich , war es sein ausgesprochenes Ziel, seinemVolke wieder die Liebe zu dem Stil einzuimpfen, der das eigensteErzeugnis seines Geistes ist; er wollte den Entlehnungen ausItalien und Griechenland entgegenarbeiten, die vielgestaltige Gotikdem frostigen Klassizismus entgegenstellen, die Maler der Romantikin ihrem Kampfe gegen den gemeinsamen Feind unterstützen. Schonhatte Wollet-le-Duc seine lehrhafte Thätigkeit begonnen, indem erseit 1840 die St. Chapelle erneuerte, seit 1854 sein berühmtesOiotioniiaii's raisour^ cks 1'ai'olliteoturs Lrao9aisc> herausgab.Eine große Zahl von Erneuerungen, an der Spitze die mit Lassusseit 184S gemeinsam durchgeführte von Notre Dame zu Paris ,von Veröffentlichungen nach diesen, die glänzende Thätigkeit der