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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

Pariser Verleger jener Zeit unterstützten den französischen Einfluß.Die deutschen Veröffentlichungen über ältere Baukunst, soweit sienicht ihreu Stoff außer Landes suchten, hatten die Kenntnis deutschenBauwesens, namentlich des romanischen Stiles sehr vertieft. Aberdie eigentliche bildende Kraft der französischen Architektur hatten dieDeutsche» weder im Mittelalter noch bisher im 19. Jahrhnnderterreicht. Es fehlte ihnen die Beweglichkeit der Formengebung, derReichtum au schmückenden Gliedern, der Saft und die Kraft derfranzösischen Vorbilder. War doch der romanische Stil bei unsnach großartigen Anfängen nicht ganz zur Reife gekommen, dieGotik früh vou deu staatlichen Wirren beeinträchtigt ins Hand-werkliche herabgesunken. Nur im Norden, im Gebiet der Hansaund des Backsteinbaues, blühte sie in eigenartiger Kraft währenddes 13. und 14. Jahrhunderts fort. Hier, uud zwar zunächst fastallein in Hannover entwickelten sich Gärtners Schüler in einer derfranzösischen Richtung entsprechender Weise. Andreae, Hnnaeus,Droste waren die Vorläufer, die seit 1844 die mittelalterlichen Back-steinformen nachahmten, deu alten Bauten der Umgegend dieAnregung für neue Schöpfungen entnehmend. Konrad WilhelmHase, der seit 1848 die Kirche zn Loccum erneuerte, 1849 Lehreram hannoverischen Polytechnikum wurde, befestigte die gotischeRichtung derart, daß Hannover durch Jahrzehnte und bis heuteder Mittelpunkt der romantischen Richtung Deutschlands wurde.Von der dürftigen und leeren Auffassung des romanischen Stiles,wie ihn Hübsch in Baden und Gärtner in München angewendethatte, schritt Hase, am Alten lernend und eine stets wachsendeSchar begeisterter Schüler lehrend, immer weiter zu einer klarenEntwickelung, seiner Ansichten vor. Die unlösliche Verbindung vonKonstruktion und Form zu völlig folgerichtiger Durchbildungzu bringe», schien ihm die Aufgabe der Gotiker des Mittelaltcrsgewesen zu sein, wurde nun die seinige. War die rheinische Schuleauf die Ergründung des gotischen Systems und auf dessen wider-spruchsfreie Darstellung im Neubau ausgegangen, so suchte er dieHauptsormen von den Nebengebilden zu trennen, das Gerippe vontragenden, ranmüberspannenden und bekrönenden Gliedern klar zurSchau zu stellen. Aber er erkannte zugleich die malerische Seite