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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Erhöhte Wohnlichkeit. Sempers Gründe gegen die Gotik. 457

Zweck alsbald selbst und im Grundrisse erkennbar macht, währendman sich in einem Hansenschen Hansplan nur durch die eingeschrie-benen Bezeichnungen darüber klar wird, ob man es mit einem Wohn-oder Speisezimmer zu thun habe. Seit in München die deutscheRenaissance anfkam, seit diese aller Orten zum Siege gelangte, istdie Hannoverische Art, Wohnhäuser zu entwerfen, in ganz Deutsch-land üblich geworden.

Freilich waren ähnliche Bestrebungen auch anderwärts, auchunter den Meistern der Renaissance hervorgetreten. Semper hatin seinem Oppenheimschcn Palais, das seit 1845 in Dresden entstand, auf außerordentliche Schwierigkeiten bietendem Grundstückim Innern eine meisterhafte Anordnung geboten, bei der dieGrundrißlösungeu der Zeit höchster Sorge für die Bequemlichkeit,die des 18. Jahrhunderts, einen sehr starken Einfluß hatten. DenPlan des Hauptgeschosses mit seinen Alkoven, Nebentreppen undGängen für die Dienerschaft, konnte man für eine Rokokoschöpfunghalten; er ist ein Beweis dafür, mit wie freiem Griff Semper feineAbsicht durchführte, von allen Zeiten zu lernen, das Ergebnis derganzen älteren Kunst, selbst der damals vernchtetesten, in seinenWerken darzustellen.

Fühlte ich mich Rebentischs Angriffen gegenüber ziemlich wehr-los, so hatten andere, Gereiftere doch mancherlei auf sie zu erwidern.Ins Gewerbe übertragen hießen die Hannoverschen Grundsätze soviel,wie die unbedingte Herrschaft von Konstruktion und Stoff. DieForderungen beider zu ergründen und sie einfach darzustellen, zwaugeuden Künstler zu neuen Lösungen. Für Semper dagegen war diesZurschaustellen derkonstruktiven Faktoren'', des nackten Bedürf-nisses, nicht eigentliche Ausgabe der Baukunst und des KunstgewerbeS.Er nannte es illuminierte und illustrierte Mechanik uud Statik,reine Stoffknndgebung. Die Kunst solle den Bedingungen der Kon-struktion uud des Stoffes gerecht werden, aber nicht grob mate-rialistisch in struktiv technischem, sondern in höheren: struktiv sym-bolischem Sinne. Der Bau des Gerätes, des Hauses solle denEindruck des Haltbaren insofern erwecken, als man nicht einenAugenblick über dieses Halten in Zweifel sei, man komme aber insolche Zweifel, wenn einem allzu klar gemacht werde, warum der