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VI. Die historische Schule.
Gegenstand zusammenhält, welche Mittel angewendet wurden, umihn vor Verfall zu sichern. Den Begriff der Wahrscheinlichkeit, denSemper hiermit einführte, hat er wieder dem 18. Jahrhundert ent-lehnt, vielleicht ohne es zu wissen, durch Vermittelung von Paris ,wo die Überlieferung nicht so jäh unterbrochen war, wie bei uns.Seine Ansicht wurde bestärkt durch sein kunstgeschichtliches Wissen:war die Hannoversche Ansicht richtig, wieviel Banwerke, wievielGeräte blieben dann wieder übrig, die „höheren" ästhetischen Grund-sätzen genügen? Wie viele gab es, die deutlich ihre Konstruktiondem Beschauer darboten? Wieder war der Gedanke, der dort dieKopfe beherrschte, gut, die Durchführung logisch klar, waren dieSchlußfolgerungen richtig gezogen — das Ganze aber ein Gedanken-ban, der vor der Wucht der Thatsachen nicht stand hielt.
Auch Semper erweist sich in gewisser Beziehung als einseitig,nämlich in seiner grundsätzlichen Abneigung gegen die Gotik geradewegen ihrer struktiven Gestaltung, ihrer Auflösung der Mauer inStützen für die Gewölbe. Ihm war unverkennbar die Form nichtgenug durchgeistigt, trat das Stoffliche noch zn stark hervor. Er ver-glich die gotische Kirchenform mit dem Bau des Krebses: DasKnochengerüst ist zur Schau gestellt: im Gegensatz zum griechischenTempel, der den Baustoff unter der Form versteckt, umkleidet, sichdurch die Form von ihm befreit; und von der Renaissanee, die ranm-bildend und sinnbildlich geschmückt zugleich sei, die in hohem Maßezweckerfüllend, doch nicht äußerlich vom Zweck beherrscht sei, sondernihn nur erkläre.
Also entbehrten die Renaissance und die ihr gewidmeten Be-strebungen damals nicht des ästhetischen Schntzes. Freilich dauertees sehr lange, ehe die strenge Wissenschaft Scmpers Werk fürvoll anerkannte. Und als man sich seiner bemächtigte, geschah eswieder in der Absicht, seine Lehre sester zu fassen, zn einembindenden Gesetz auszugestalten. Wenn Semper sagte, führt Riegl in seinen Stilfragen aus, beim Werden einer Kunstform kämenanch Stoff und Technik in Betracht, so meinten die Semperianer,ihn ganz mißverstehend, die Kunstform sei ein Ergebnis aus Stoffund Technik. Die Technik wurde rasch zum beliebtesten Schlag-wort. Sie war es ja, um die die Kunst damals in allen Gebieten