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VII. Das Streben nach Wahrheit.
nicht sehen gelernt, daß dieser Milchnberguß, nämlich das Weißdes Lichtes, in der Natur vorhanden ist, daß die Luft zumeistdiesen Ton besitzt. , .
Die Luftmalerei, sagte Liebermaun, besteht darin, daß jederGegenstand von Licht umflossen erscheine. Alles muß hell uud lichterscheinen, weder reines Schwarz noch reines Weiß dürfe verwendetwerden, selbst das vollste Sonnenlicht wirkt nie kraß, sondern stetsruhig, da in der Natnr jeder Ton ein wenig von der allgemeinenHelligkeit bestrahlt ist. Ihm ist die „ impertinente" Mittag-sonue des Juli uumalerisch. Auderen, namentlich den Franzosen ,war gerade diese das Ziel. Das Flimmern der glühenden Luftauf dem weißen Straßenpflaster, das ist's, was sie erstreben, dievöllige Auflösung der Körper im blendenden Licht. Liebermannsucht andere Wirkungen: Die durch Wolken gebrochene Beleuchtung,jene ohne bestimmte Sonnenwirknng, ohne harte Widersprüche, dienebelfeuchte Luft mit ihren reichen Tonabstufungen, die feinen, nichtaufdringlichen, sondern beruhigenden Lichtspielen, auf die ihn Israelsgeführt hatte, die Töne, die der reifen Birne gleichend, zwischenbraun und grün liegen und gemildert sind durch die Gemeinsam-keit der Belichtung aus grauem Himmel und der feuchten Luftringsum. Darum lieben die Maler von Fontainebleau die Fluß-ufer mit ihrer dunstigen Luft, darum ist Holland das Lieblingslandder ganzen Schule, auf das sie immer wieder zurückkommen.Wirklich hat das Land seine große Schönheit, es ist voll Dnftund Sonnenklarheit, voll feiner Abschattiernng, von einer wunder-baren Farbigkeit der Luft. Wer das zuerst erkannte, wer es wiederin sich aufnahm, wer der Welt eine Schönheit zu sehen lehrte, woandere sie noch nicht gefunden, der hat gewiß Großes geleistet. Die Thatbesteht nicht darin, daß er ein vorher nicht vorhandenes Schönes fand,fondern daß er ein Vorhandenes als schön empfinden lehrte. Mirwill scheinen, als sei die Welt überall schön und sei, wo dies uoch nichterkannt werde, nicht der Weltenschöpfer, sondern die Kunst fchnld.Das Suchen uach Schönheit ist ein Zeichen ihrer Schwäche, dennsie sucht stets nur nach dem von auderen Erkannten. Ich habegenug Skizzenbücher junger nach Italien reisender Architekten ge-sehen, um zu wissen, daß man darin zumeist das ihnen schon Bekannte