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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Luftmalerei. Die Photographie. 529

findet: das Selbstfindeu des Schönen, das heißt das als schönErkennen eines bisher nicht Beachteten oder Verachteten, das bedarfder reifen Kraft. Daher bin ich der Meinung, die Holländereiender Deutschen seien nicht mehr und nicht weniger abhängig als dieStilmalereien. Ju beideu Fällen ist das Verhältnis zur Naturvermittelt. Erst sehr langsam gelang es den Malern, das Gebietdes Wahren zu erweitern. Die Schotten lehrten wieder die Farbe,den tiefen Ton ins Bild meistern; die Skandinavier brachten dieeigentümlichen chromatischen Wirkungen des höchsten Sonnenlichtes,das Spiegeln und Flimmern in den Negenbogenfarben. Andereführten die violetten Töne ein; die grünen des Waldes, die braunen,gelben nnd blauen des Abends fanden ihre Wiederentdecker! AllePaar Jahre kam in die Ausstellungen eine neue Gruudsarbe, rißein neuer Fund im Reich des Lichtes die Maler znr Nacheiserunghin; aber während so eine ungeheure Schwankung einzureihen schien,blieb die realistische Absicht doch der feste Mittelpuukt.

Man hat die Realisten nnr zu oft tadelnd mit Photographenverglichen, somit anerkennend, daß sie die Natnr wahr darstellen,wenn auch ohne Geist. Allerdings erscheinen in den neuen Bilderndie Farbeu nicht in fest umränderten Massen an einander gereiht,sondern das Licht herrscht über sie in starken Tönen. Sie geben,wie die Photographie, mehr die Lichtmassen, mehr den Ton, als dieeinzelnen Farben; sie suchen nicht zeichnerisch den Umriß und lassendas, was das Auge uicht zu unterscheiden vermag, auch im Bildeungeschieden. Denn ihnen ist das Bild der Anblick eines Natur-gegenstaudes in einem bestimmten Augenblick von einem bestimmtenPunkt aus, während die alte Knnst den einzelnen Teil vornahm,ihn genau beobachtete und dann erst aus Teileu die Natur wiederim Bilde zusammenstellte. Mechanischer ist die neue Art wohl sicheruicht. Zwei Photographien desselben Gegenstandes gleichen sichvöllig; zwei Bilder, die etwa Liebermann oder Leibl von demselbenuuter völlig gleichen Umständen machen wollten, werden grund-verschieden ausfallen. Sie siud mindestens so eigenartig wie jene derIdealisten alter Schule. Ich wunderte mich daher auch nicht, alsLiebermann mir gegenüber die Bilder eines älteren Landschaftsmalersangetuschte Photographie nannte. Denselben Vorwurf des Mecha-

Gurlitt, IS. Jahrh. 34