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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VII. Das Streben nach Wahrheit.

nischen, der ihm gemacht wurde, giebt er aus voller Überzeugungzurück. Liebermann sncht, wie W. v. Seidlitz sagt, das trenesteAbbild der Natur zn liefern. Leben ist es, was er darstellen will,nicht starre Ruhe; seine Menschen zeigt er mit Vorliebe in geschäf-tiger Bewegung; durch seine Landschaften zieht stets ein frischerLufthauch, seinen Bildern ist ein durchaus persönlicher Stempelaufgeprägt, in der Wahl der Gegenstünde, der Farben, der Be-leuchtung. Das Leben, das Augenblickliche ist ihm das Wesentliche.

Es fragt sich nnn, ob der Einwnrf der geistigen Leere berechtigtist; ob dieses Leben, diese Wahrheit wirklich des Schweißes der Malerwert, ob es vor allein der Überwindung jenes Widerwillens wert ist,den so viele vor den realistischen Bildern empfinden. Hatte ich meineFreunde überzeugt, daß die Natur, au der ich sie Vergleiche au-steilen ließ, von den Hellmalern richtig dargestellt sei, so erklärtensie mir als Trumpf: Diese Natur ist eben häßlich! Wozu Häß-liches malen?

Mir ist ein Wortwechsel unvergeßlich, der mich auf einein Spazier-gang in der Umgebung Weimars fast mit einem lieben alten Frcuudentzweit hätte. Es war im April und wollte Nacht werden; wir gingenin einem Thal zwischen noch blattlosen Gesträuch an einem frischgepflügten Hügelrücken hin. Darüber der schon schwer werdendeHimmel. Ein Rest Abendrot lag noch in der Luft, spielte um dieSchollen des Feldes, um das Gezweig. Die Stille uud Toutiefeder Landschaft that mir wunderbar wohl. Ich dachte mit Dankan den Stuttgarter Maler Otto Reiniger , der dergleichen meister-haft darzustellen weiß. Mein Freund aber erklärte mir, das seinicht schön; denn erstens müsse ich den vollen Frühling und das Grünabwarten und zweitens sei es schon zu dunkel. Ich bat ganz be-scheiden, er solle mir meine Freude lassen; ich fände gerade diesfchön. Er aber sagte mir, ich sei ein Narr, angesteckt von andernmodernen Narren. Ich aber antwortete, er werde ja das besonnteGrün auch in der Kunst nicht schön finden, das der Frühlingbringe. Allerdings nicht! Wir wollen morgen einmal den Malervon Gleichen-Ruß wurm besuchen, der solchen Spinat malt. DerFrühling ist iu der Natur schöu, nicht ans dem Bild; man kanneben nicht alles malen!