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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Schönheit der Natur.

Der gute Geschmack.

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Was war da zu thun. Die Idealisten in der Architekturfanden, daß in der ganzen Welt nur in Athen und dort höchstenshundert Jahre lang wahre, ideale Kunst geschaffen wurde; die Idealistenin der Natur erklärten, daß die Malerei nnr ganz wenige ArtenAusblick und Beleuchtung uachahmeu dürfe, merkwürdigerweise nurdie, welche früher schou gemalt wurden. Welche Gründe hatte ichmeinen Freund zu überzeugen, daß jenes Brachfeld schön sei? Dakonnte man nur schweigend sich die Hand schütteln uud auseinandergehen; er mit dem ärgerlichen Gefühl, in einer häßlichen, ich mitdem angenehmen, in einer schönen Gegend zu wandeln; denn für ihnwar sie unmalerisch, für mich malerisch!

Keiner hat geistreicher den Realismus mit Gründen bekämpftals Konrad Fiedler ; er konnte es, weil er ihn nicht grundsätzlichverwarf, sondern ein sehr feines Verständnis für ihn hatte. AllesGepolter der gekränkten Geschmäckler hat höchstens bewirkt, daß dieRealisten noch schärfer ihre Grundsätze darstellten, hat keinen vonihnen bekehrt, hat ihren Siegeslauf nicht einen Tag aufgehalten.Mau mußte das Gebotene geistig verarbeiten, wollte man ihm miteiniger Hoffnung auf Ersatz entgegentreten.

Fiedler wußte sehr Wohl, daß der Kampf gegen den sogenanntenguten Geschmack, den er ein unklares Gemisch von Gewohnheiten,den Tod des auf Freiheit gestellten Schaffens nannte, berechtigtwar; daß die Bevormundung der Kunst durch die MachtsprücheÄsthetik überwunden werden müsse; daß der Realismus alle Ästhetikmüßig, alle ihre Forderungen gegenstandslos mache. Er erkanntesehr wohl, daß die, welche sich dem Anstürme neuer Freiheitwidersetzen, von den Neuerern verdrängt würden; daß es auch mitdem Stehenbleiben auf halbem Wege nicht gethan ist; daß derGrundsatz der Wahrheit unwillkürlich immer weiter führe. Jaerst durch dieses Vollenden ihres Zieles erkenne man, welche Auf-gaben der Wahrheitsliebe eigentlich zufielen, daß sie erst gegen dieoberflächliche Genußsucht der Menge, die das Schöne ohne geistigeAnstrengung genießen wollte, sich auflehnen, ja, daß sie diesemabsichtlich das Häßliche entgegenstellen mnßte.

Wie die Wissenschaft einen langen Kampf um ihre Freiheit

kämpfte, ehe sie der Aufsicht einer fremden Macht, der des Glaubens,

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