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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VII. Das Streben nach Wahrheil.

entzogen wurde; wie dieser Kampf notwendigerweise solange in denUnglauben führen mußte, solange der Glaube noch Herrenrechte sichanmaßte, die nicht in seinem Gebiete liegen; ebenso kämpfe jetzt dieKunst einen guten Kampf, in dem sie sich der Wissenschaft zu ent-ziehen strebe. Ihr Recht hierzu ist sür Fiedler unzweifelhaft. Erfragt nur, wie sie das Recht gebraucht. Die Frage, ob die natura-listischen Grundsätze in der Knust zu duldeu seien, kann nur nochfür deu offen stehen, der die Rechte einer in Trümmer gegangenenWeltanschauung auf das Gebiet der Kunst retten will; für den Zeit-reifen heißt es uur noch die Frage entscheiden, ob die Anhängerder Grundsätze das erfüllen, was diese fordern.

Fiedler untersucht zunächst, ob die Begriffe Wahrheit undWirklichkeit sich decken. Die Naturalisten nehmen es seinerMeinung nach au; außer der Wirklichkeit gebe es keine Wahrheit,die Wirklichkeit berge also die Freiheit der Kunst in sich. Undhieraus schließt Fiedler, daß sich die Knnst hier abermals in eineanßer ihr liegeude Fessel, eben jene der Wirklichkeit, begebe. MußeS nicht jeder fühlen, sagt er, der jenen modernen naturalistischenLeistungen einige Ausmerksamkeit zuwendet, daß die beabsichtigteErlösung der Kunst in die Freiheit von Natur und Leben nur einfalsches Vorgeben ist, und daß jene Leistungen, wie sie unter demDruck und in der Enge der Wirtlichkeit entstanden sind, nun diesenDruck und diese Enge dem Menschen erst recht fühlbar machen?Die Darstellung des Wirklichen führe zur Gleichgiltigkeit für dieBeschaffcuheit des Darzustellenden, denn seine Wirklichkeit ist imGruude sein einziger, sein höchster Wert. Die Künstler bestätigtendies in Hunderten von Bildern. Schon Zola nennt die Rübe alsGegenstand der Kunst gleichwertig mit all den geistreichen Sachender Alten. Liebermann hat sein ganzes Leben hindurch bethätigt,daß ihn die Wirklichkeit unempfindlich gegen die außerhalb desSichtbaren, Darstellbaren liegenden Werte gemacht hat. Ja esführte diese Gleichgiltigkeit zu immer sich steigerndem Suchen nachGebieten, die bisher als der Darstellung verschlossen galten, zu demWetteifer an rücksichtsloser Offenheit, an Ausführlichkeit der Dar-ftelluug selbst dessen, was den Geschmäcklern mißbehagt. Wersich vor einem Bilde zunächst fragt, ob es ihm gefalle, dem