Wahrheit und Wirklichkeit, —
Fiedler gegen den Realismus.
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soll das Bild antworten, daß es auf dieses Gefallen gar nicht an-komme. Liebermann und die Naturalisten malen nicht, um denLeuten Liebenswürdigkeiten zu sagen. Im Gegenteil, sie hat derÄrger über das Mißverstehen ihrer Absichten eher verleitet,Dinge herauszusuchen, wie sie die Mundspitzcr uud Augen-verdreher in der Kunst uicht habeu wollen. Hinter LieberinannsLiebe für die dürre Heide, das Altmännerhaus, ja für den Schwcine-stall steckt wohl ein gutes Stück malerischer Bosheit. Er will deinPhilister unter die Nase stoßen, damit er im Anschauen des Wirk-lichen besser aufpasse. Aber wie kein Maler sein Werk besser aus-führt, als er kann, so wird auch keines bei Liebermann schlechter —im Sinne jener —, als er kann. Seine Widrigkeit, wenn er sieselbst übertreibt, hat ihre Grenzen in dem sein Thun beherrschendenWirklichkeitsgefühl. Das heißt, er malt die Liebe zur Thatsache ,selbst zu der den meisten unangenehmen, mit in das Werk hinein,wie dies etwa Zola in der naturalistischen Dichtnng ausführte.
Fiedler findet aber, daß diese Wirklichkeitsknnst im Grunde nurdie harmlose Freude befriedigt, das Bekannte im Bilde wieder-zufinden uud die weniger harmlose Freude, Dinge an das Licht derÖffentlichkeit gezogen zu sehen, die diese sonst verschleiert hält. ImGrunde sei diese Kunst also nur uützlich, nur lehrhaft; beschäftigesie sich mit einem wissenschaftlichen Feststelleu dessen, was wirklichist, um vor Irrtum und Täuschung zn bewahren; sei sie also auchaus diesem Grunde aus der Herrschaft der Wissenschaft in die derWirklichkeit gefallen, ohne die ersehnte Freiheit zu erlangen. Denndie gemalte Wirklichkeit ist eben keine solche, sondern eine Maske,ein Gespenst der Wirklichkeit. Im Eifer gegen Lüge, Verhüllung,Beschönigung habe sie uicht Wahrheit, sondern nur verfälschte Wirk-lichkeit erzeugt. Die moderne Kunst irre, wenn sie sich für wissen-schaftlich halte. Denn sie beschäftige sich ausschließlich mit der Fest-stellung der Thatsachen, die Anfgabe der Wissenschaft aber sei, diesezn verknüpfen und über das sinnlich Faßbare hinaus iu deninneren Zusammenhang der Dinge einzudringen. So wenig derwissenschaftliche Geist vorhandene Wahrheit findet, so wenig darf derkünstlerische Geist bei dieser stehen bleiben, es sei denn, daß er sichmit dem Range bloßen Gelehrtentums begnüge. Nicht das Beschreiben