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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VII. Das Streben nach Wahrheit.

und Darstellen, nicht die Freude, die Dinge aufzusuchen, und derMut, sie auszusprechen, machen die Höhe der Kunst aus, sonderndas Jnsichausnehmen einer großen Fülle der Erscheinungen, dasgeistige Ordnen und das daraus hervorgehende Beherrschen derWirklichkeit durch den denkenden Willen.

In keinem Künstler Deutschlands sind die naturalistischenGrundsätze straffer ausgeprägt als in Liebermann. In ihm herrschtder Draug, die Dinge im Bilde bis auf den letzen Reft wahr, nichtsals wahr darzustellen. Er vermag sich ganz und gar in ein StückNatur zu versenken. Es fragt sich nun, ob mit dem Sagen derWahrheit alles geschehen sei; ob es der Mühe wert ist, diese Wahr-heit gesagt zu haben. Es kommt nicht auf den Inhalt allein an,der Inhalt hat mit der Kunst uicht unbedingt etwas zu thun: einegutgemalte Rübe ist eiu größeres Kunstwerk, als eine schlechtgemalteHimmelfahrt. Fiedlers Kritik erscheint wie auf Liebermann gemüuzt,und ist es wohl auch, denn sie erschien im Augenblicke von Lieber-manns siegreichem Austreten. Aber doch will mir scheinen, alswenn ihm Fiedler nicht gerecht werde. Dieser war der ästhetischeBerater von Marees, Böcklin uud anderen; in der allerjüngstenKunst sieht man in gewissem Sinn seine Ansichten im Gegensatzzu dem jetzt wieder so oft als brutal beschimpften Naturalisinusdurchgeführt. Wüßte die allerjüngste Kritik etwas tiefer zu denken,so hätte sie sicher schon Fiedler als ihrem Versechter Lorbeerkränzedie Fülle gereicht. Denn er giebt ihr starke Waffen in die Hand,mit denen sich gut fechten läßt. Und doch scheinen sie mir selbstdem brutalsten Realismus gegenüber recht stumpf. An Liebermannsei dies dargethan.

Von allen Hellmalern in Deutschland ist er der feinfühligsteeben als Maler. Nichts mehr. Ob er mit seinem Können eineZiege oder den Kaiser Nero darstellt, ist ihm gleichgiltig. Erwürde auch den Nero malen, wenn er ihm ins rechte Licht käme.Er malte ja auch den Bürgermeister Petersen von Hamburg miteiner Wahrheit und doch inneren Gleichgiltigkeit gegen den Mann,die diesen erschreckte. Verbot dieser doch, daß sein Bild öffentlichausgehängt werde. Jetzt fchläft es in einem Nebenranm der Ham-burger Kunsthalle hinter einen: Vorhange. Nur für realistisch Ab-