Druckschrift 
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
535
Einzelbild herunterladen
 

Liebermaim,

535

gebrühte wird dieser weggezogen: Eines der künstlerisch bestenBildnisse, die in unserem Jahrhunderte gemalt wurden.

Ohne Licht giebt es für Liebermann auch im Bild keine Form,keine Farbe. Das Licht bestimmt für ihn den Wert des Bildes.Das Licht ist ihm die eigentliche Substanz der Kunst, im SiuueSpinozas die notwendig unendliche Substanz. Um das Licht drehtsich daher auch sein ganzes Bemühen, nm das Licht als Grundlagefür alle Erscheinung. Daher läßt er Form und Inhalt ganz zurück-stehen hinter dem Licht, er verzichtet auf jede sachliche Teilnahme,er wählt die gleichgiltigsten Vorwürfe, er ordnet sie nur nach derAbsicht an, seine malerischen Ziele zu erreichen, er läßt die Zeichnungvöllig verschwinden unter der Behandlung derValeurs", derTonwerte.

Das macht Liebermanu auch zu einem so merkwürdigen Bild-nismaler. Seine Köpfe sprechen in einer Weise, wie kaum die einesanderen. Sie haben eine erstaunliche Schlagfertigkeit im Findendes Eigenartigen, einen Berliner Witz, der mit einem Worte denDingen den bezeichnenden Namen giebt. Einer schildert einen Menschendurch gründliche Entwickelung seiner Art, der andere mit breiten,anekdotischen Zügen. So Liebermann. Er hat etwas Hartes, Be-leidigendes in seiner Wahrheit. Seine Gestalten sind in Bewegung,geschäftig; sie halten nicht still, er giebt nicht ihre Formen, sonderndie farbigen Massen, aus deneu sich ihre Gestalt zusammensetzt.An den Massen aber erkennt man die Menschen. Lange, ehe mandie Einzelheiten des Gesichts, an dem von Fernekommenden unter-scheiden konnte, weiß man, wer es ist. Man merkt sich das Ver-hältnis von Licht uud Schatten in einem Kopf besser als die Liniender einzelnen Züge. Die alten Maler zeichneten ihre Ölbilder, ermalt selbst seine Bleistiftftndien.

Erreicht hat 'Liebermann, daß seine Bilder auf den Aus-stellungen hell und sröhlich aus jenen der Altmeisterlichen hervor-leuchten. Er malt den Regentag in seiner Abwägung zwischenwenig verschiedenen Tönen, jene das blitzende Sonnenlicht durchHerausarbeiten der Helligkeit aus tiefem Dunkel. Und seine Bilderübertreffen die audereu so au Licht, das; sie wie ein Blick zumFenster hinaus aussehen. So auf der Berliner Ausstellung von