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VII, Das Streben nach Wahrheit,
1892. Sein Bild erschien wie heimlich belichtet, wie außer dem Aus-stellungsraum stehend, obgleich es eine Frau in graugrünen Kleideruvor graugrüner Düne und eine graue Ziege in grauem Lichtdarstellte,
Ist es nun das Vergnügen allein, eine bekannte Thatsache dar-gestellt zu scheu, die mich in helle Freude, andere in hellen Ärger beimAnsehe» eines solchen Bildes versetzte? Die malerische Thatsachewar eben nicht bekannt, ehe sie die Maler darstellte. Sie wurde dnrchihn erst Thatsache, Wirklichkeit. Es hat auch kein früherer Malerdergleichen als Thatsache gesehen. Und es wird keiner sie wiedersehen. Es handelt sich also nicht einfach um eine Verfälschung derWirklichkeit, sondern um ihr Beherrschen durch die Menge malerischerkannten Thatsachen . Es handelt sich nicht um eiu Abmalen desLichtes, sondern um eine Denkarbeit, die darin besteht, eine in derNatur vorhaudene Thatsache so wiederzugeben, daß sie mit denMitteln der Farbe eine ähnliche Wirkung erreicht wie die Natnr.Liebermann will nicht eine Frau und eine Ziege, er will ein Bildmalen, in dem unter anderem auch eine Fran und eine Ziege inbestimmten nur durch ernste Geistesarbeit erkennbaren Lichtverhült-nissen erscheinen. Er wählt ja schon deshalb den gleichgültigstenGegenstand, weil er sagen will: der Gegenstand ist nur das Mittel,au dem ich meine Empfindung der Tonwirkung darstellen will.Unter den vielen sehr verschiedenen Erscheinuugsformen des Gegen-standes ist eine ausgesucht, und zwar nach planmäßiger Auswahl;dargestellt aus eiuer Fülle im Geist geordneter nnd durch dendenkeudeu Willen beherrschter Gedächtnisbilder. Es spukt da immernoch die Meiuuug, daß, wenn der Maler einen Mops realistischdarstelle, dadurch zwei Möpse entständen. Nein, es giebt einenMops und ein Bild. Das sind zwei grundverschiedene Dinge!
Man kann daher mit gutem Recht Liebermann, so sehr erdagegen strampeln mag, einen Idealisten nennen, wenn mandarunter einen Künstler versteht, der zur Erzielnng eines höherenEindruckes aus Nebensächliches verzichtet, also nicht die Wirklichkeitin allen ihren Teilen, sondern auf Grund einer sondernden künst-lerischen Thätigkeit in ihren wesentlichen Eigentümlichkeiten darstellt.Sein Schaffen deckt sich mit der Ästhetik eines Schasler, obgleich