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VII. Das Streben nach Wahrheit.
des Werkes über die Schönheit zu stellen. Und während anfangs fürdie Freude am Besonderen, Neuen noch kritische Grundlagen erforschtwurden, kam immer mehr die Lust am Überraschenden zum Vorschein.Die jüngere Kritik geht noch heute um wie der brüllende Löwe undsncht Künstler zu entdecken, Individualitäten, die uicht genügend ge-schätzt sind, deren ungenügende Bewertung man der Welt als ihrVerbrechen vorhalten könne! Denn es ist so schön, alleiniger Kennerder Wahrheit zu sein und ans deren Besitz heraus auf die Thoreudort unten herabsehen zu können; nnd es ist noch schöner, denLeuten sagen zu können, wie einfältig sie sind, daß sie nicht ausgleicher Höhe mit dem Kritiker stehen. Die Kritik, die früher inder Maske der Gelehrsamkeit die Künstler herunterputzte, hat jetztdie Maske des Künstlertums angenommen, um die Menge derStumpfsinnigen herunterzuputzeu.
Die Folge dieses Anrufens der Eigenart war ein sehr raschesFortschreiten in der Knnstentwickelnng. Man lese dieÄusstellungs-berichte des letzten Jahrzehnts. Sie beginnen entweder mit dem Jubel,daß eine neue Ära in der Knnst angebrochen sei, oder mit dem bitternVorwurf, daß sie in diesem Jahre nicht gekommen sei. Denn daß eineordentliche Kunstära nicht zu den überwinternden Pflanzen gehöre,scheint nunmehr kritisch festgestellt. Ein ganz mächtiger Jnbel brachaber los, wenn ein bisher gefeierter Künstler als veraltet kritischbestattet werden konnte. Langsam wuchs die Anerkennung derNeuen, rasch die Aberkennung der Alten. Die junge Kritik stelltsich die Kuust als eine Art Sport vor, worin die Meisterschaftalle Jahre neu zu erringen ist und nur der gilt, der heute amschnellsten radelt, während der gestrige Sieger nach der Nieder-lage seinen Wanderpreis abgeben und iu die Vergessenheit zurück-treten muß.
Die Künstler sind zum mindesten ebenso sehr schuld an derHast der Schaffens. Namentlich sind die internationalen Aus-stellungen daran beteiligt, die sich nnn in Deutschland häufen.München an der Spitze, Berlin, Wien, Dresden folgend. AlleJahre bereisen deutsche Abgesandte die Kunststädte der Welt, um dieKünstler nach Deutschland einzuladen unter Zusicherung nicht unbe-deutender Vorteile. Die eigentliche Gegenleistung ist sehr bescheiden.