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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VIII. Die Kunst aus Eigenem.

befunden wurde, für die er somit dauernd die Verantwortung über-nahm. Dies that Nosenberg in seiner Geschichte der modernenKunst, zu der er vielfach seine Tageskritiken verwendete.

Man liest aus dem Lebensbilds Feuerbachs, das Rosenberggiebt, deutlich heraus, daß es ihm dem Toten gegenüber nicht ganzwohl ist. Er klagt ihn des Eigensinnes, der Hartnäckigkeit an,weil er sich dem Rate der Kritik nicht fügte; er nennt ihn haltlos,reizbar, ein zerrissenes, düsteres Gemüt. Er floh die Gesellschaft,wenn sie groß und laut war; aber es brach das Liebevolle, Ge-mütswarme, Kindliche seines Wesens hervor, wenn er sich Gleich-gestimmten gegenübersah. Und wenn er auch unter dem Druckeines Lebens voll Kampf das einst so fröhliche Lachen verlernthatte, so war er doch der anregendste, liebenswürdigste Gesellschafter.Der Berliner Kritiker hat ihn also auch hierin nicht recht ver-standen, weil gerade seine Art es war, die Feuerbach im Leben mied.Trotzdem ist Rosenberg ihm nachzusagen gezwungen, Feuerbach seiin einigen Schöpfungen zur Höhe des klassisch-romantischen Idealsemporgestiegen. Aber er vermochte einen bezeichnenden Satz nichtzn unterdrücken. Die Kritik, sagt Rosenberg, welche sich demWerke eines Lebenden gegenüber, der sich bis dahin in verbissenesund abstoßendes Stillschweigen gehüllt hatte, nicht in eine feineAnalyse jener psychischen Verfassung einlassen konnte, hat ehrlichihre Meinung gesagt, ehrlich und schroff; und sie dnrfte es, weilniemand voraussehen konnte, daß Fenerbach sich diese Kritik so zuHerzen nehmen würde, daß sie zur Veranlassung seines Todeswerde! Es ist noch ein erfreuliches Zeichen, Rosenbergs angst-schlotterndes schlechtes Gewissen hier das eigene Werk grausam an-klagen zu sehen. Er fühlt sich mitschuldig am Tode eines derBesten in unserer Kunst. Und er entschuldigt sich damit, daßjeuer seine Kritik nicht Hütte so ernst nehmen sollen, sondern alsdas, was sie ist, als leeres Geschwätz. Feuerbach hätte seinSchweigen brechen und Nosenberg seine Kunst brieflich oder münd-lich erklären sollen; dann hätte er sie vielleicht verstanden. Aberder Maler meinte verbissener und abstoßender Weise, dnrch Bilderzur Welt reden zu sollen! Das war sein Fehler, darnm blies ihmdie Kritik das Halali, ehrlich und schroff! Die Ansicht Rosenbergs