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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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585
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Die Historienmaler. Die realistische Geschichtsmalerei. ZgZ

nicht über den Satz hinaus: Seht, so lebten die Menschen damals,solche Lebensbedingungen hatten sie, insofern dachten sie anders alswir: Aber im Grunde sind sie doch uns gleich! Die Moderni-sierung der geschichtlichen Berichte ist das Störende, der unwillkür-liche Zwiespalt, der eine einheitliche Kunstbethätigung unmöglichmacht. Hier ist's, wo mich die Wissenschaft stört, nicht in dem Na-turalismus derer, die ein Stück Natur in aller Sorgfalt wahrheitlichdarstellen. Denn hier sehe ich die Wissenschaft als außerhalb derKunst stehend : hier will mir scheinen, als dränge sie sich der Kunst alsHerrin auf. Der Maler möchte den Gedanken frei gestalten, aberder Gelehrte in ihm sagt: mein Sohn, das geht nicht; siehe WebersWeltgeschichte, so und so vielter Band und Seite! VergleicheWeiß' Kostümkunde oder Grimms Deutsche Mythologie. Einerder eben genannten Maler sagte mir einmal, sein Ziel sei, eineMinisteriäl-Verfügung herbeizuführen, daß zum Eintritt in dieAkademie das Reifezeugnis eiues Gymnasiums gefordert werde. Willman einen schlagenderen Beweis dafür, daß nicht der Künstler überdie Kunst, sondern die Kunst über den Künstler eine Herrschaft derGedanken und Absichten ausübt? Weil er Gelehrsamkeit malt,sollen alle Maler in die Gelehrtenschule.

Mich aber stört gerade die Nichtigkeit dieser Bilder, die geschicht-liche Täuschung. Der malerische Realismus ist gestiegen, Barbarossawie Karl V. erscheinen in modernem Helllicht : doch hat er die Künstlernicht fähiger gemacht, geschichtliche Gegenstände zu bewältigen. Immernoch malt man in Deutschland riesige Wände voller Bilder, ohne daßdadurch irgend ein tieferes künstlerisches Ergebnis erzielt wird, dennimmer noch sitzt über dem Künstler der Auftraggeber, der diesem auf-giebt, Dinge zu verwirklichen, zu denen er in keinem seelischen Ver-hältnis steht; die er nicht körperlich und noch viel weniger geistigerlebte, sondern die er ans kaltem Wege schmelzen nnd gießen soll, umvon Lesefrüchten aus Büchern, durch Zusammenstellen hier undda gemachter Naturstudien ein Ganzes zu schaffen. Er erlangt nieden hellen Glockenklang wahrhaft innerlicher Eingebung. Ein sogeschickter Künstler wie Prell hat nnr einmal wirklich Packendes gemalt:Im Architektenhaus zu Berlin : und auch dort nur, wo es sich umDinge handelte, die freie Schöpfungen eigener Einbildung siud.