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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VIII. Die Kunst aus Eigenem.

nehmen. Hauck will die Ehre des Künstlers retten, indem er dengeheimnisvollen Inhalt seines Werkes erschließt. Er thut dies fein-sinnig und mit vielseitigem Wissen. Ihm trägt der Kentaur Charon eine Helena über den Peneios, die Würde trägt die Anmut; er siehtGoethes Faust (II. Teil, 2. Akt), die klassische Walpurgisnacht; ersieht noch weitere Beziehungen. Aber er erkennt auch, daß in derGröße der Gesichte, der gewaltigen Heiterkeit und Lebenslust, diedas Bild ausstrahlt, allein die gerechte Würdigung liege. Es zogihn immer wieder in seinen zauberischen Bann.

Noch ein Beispiel über die Art, wie Böcklin in der Kritikaufgenommen wurde. 1888 feierte er seinen 60. Geburtstag.Pecht schrieb einen sauersüßen Aufsatz zu diesem Anlaß inseinem Blatte Die Kunst für Alle. Er mußte dies der wachsendenAnerkennung des Meisters gegenüber. Mit der neueren RichtungBöcklins fand er sich aber durch Stillschweigen ab. Im ganzen,sagt er, wird man die Bilder seiner ersten Periode vorziehen, wie jadie eigentliche Schöpferkraft bei Künstlern selten über das fünfzigsteJahr hinausgehe. Im selben Jahre war auf der Münchener Aus-stellung Böcklins gewaltiges Spiel der Wellen zu sehen, hente wohlanerkannt als eine der größten Leistungen unseres Jahrhunderts.Pecht findet darin keinen Fortschritt in des Schweizers Kunst:Mehr der Vierwaldstädter See als das jonische Meer sei dargestellt:der im Bordergrund einer blonden von Küßnacht gebürtigen Meer-jungfrau Schwimmunterricht erteilende Appenzeller Triton hat ganzoffenbar früher Molken von der Ebenalp ins Weißbad getragen;und der dicke Herr hinter ihm, der mit so viel Teilnahme die Wadeneiner eben untertauchenden Nereide vom Thnnersee studiert, hat sicher-lich als Kunstvereins-Ausschußmitglied oder im Künstlergrütli seinenGeschmack an dergleichen ausgebildet; er ist dabei kaum zum ersten-mal so in die blaue Tinte geraten, die ihn jetzt, sich als Tyrrhenerftutvorstellend, umgiebt.

Solcher Art war damals die Kritik; mit so witzigen Herrenhatte eine sich verjüngende Knnst zu kämpfen. Nicht einmal die Größeder Arbeit wurde anerkannt. Man glaubte, Böcklin durch Ge-lächter besiegen zu können; man hielt ihn nicht einmal der ernstenWiderlegung für würdig. Und wenn dann einer seine Verachtung