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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Seite
597
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Bvcklin und Fritz Gurlitt .

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er es nannte. Vor mir liegt ein Vorbericht in Gestalt einesBriefes an eine Frau, in dem im Grunde nur die Bitte steht:Urteilt nicht, sondern seht euch die Bilder Böcklins erst an. DieAusstellung fand 1883 in Dresden statt und man hatte mich imVerdacht, Verfasser des Briefes zu sein. Wie lange haben michselbst kluge Männer mit diesem Schreiben geneckt! Wie durste ichin meiner Würde als Assistent an der königlich sächsischen Kunst-gewerbeschule mich dazu hergeben, diese Geschäftsmanöver meinesBruders zn unterstützen! Und namentlich so lächerlicher Neklame-tunst gegenüber!

Wie dankbar war mein Brnder für jedes Eintreten für denMeister, dem kritischen Gebelfer gegenüber. Ich erinnere mich nocheines dieser großmäuligen Berichterstatter, der höhnend über einBöcklinsches Bild herfiel. Mein Brnder verteidigte es mit guterLaune. Endlich mischte sich ein Dritter ein und sagte: Was bliebevon unserer heutigen Kunst für kommende Jahrhunderte übrig, hättenicht Böcklin geschaffen! Der Kritikus sah sich höhnend den Mann an:Und wie heißt der Künstler, von dem dies große Wort kommt?Der antwortete: Reinhold Begas ! und ging seiner Wege. MeinBruder hat es ihm nie vergessen!

Freilich, er stand zu den Künstlern in einem mißlichen Ver-hältnis. Er wollte und mußte an ihnen verdienen. Er mußte,um sich behaupten zn können, um sein Geschäft zn ermöglichen, aufhohe Preise halten. Böcklin kam zwar in Aufnahme, bei anderenversagte die Erfüllung seiner Hoffnungen. Jahrelang blieben ihmdie Bilder unverkauft, Jahrelang häuften sich diese im Hinterzimmerseines Ladens, wo er anfangs mit meinem jüngeren Bruder Ludwigzusammenwohnte und schlief, in engem Raum zwischen Stößen vonBildern, die jetzt zu dem stolzesten Besitz der Museen gehören.Sein Ehrgeiz war der Dank der Künstler. Jenes Bildnis seinerFrau, mit dem Böcklin ihn 1882 überraschte, und dergleichen Aner-kenntnisse darüber, daß er im Kampf ums Dasein nicht nur seinWohl bedachte, sondern, daß er mit einem naiven Kennerblick aus-gestattet wie kaum ein Zweiter, sein Fortkommen nur in Geinein-schaft mit dem besten, was die Zeit schns, für möglich hielt. Wenner sich für Böcklin begeisterte, hatte er den Tadel der Naturalisten,