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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VIII. Die Kunst aus Eigenen,.

wenn für Liebermann, den der Neuidealisten zu ertragen. Warengleich schon Anhänger jeder dieser Richtungen häufig, so lese manbei Fiedler, Hildebrand, Schack u. a., wie sie über Liebermannund Uhde dachten! Unter jenen, die die moderne Knnst alsGanzes, in ihrer Vielseitigkeit verstehen lernten, war er der ersteneiner und der feinsten einer. Jung ist mein Bruder gestorben,^rtikus irisörviens eonsumptus haben wir ihm auf den Grabsteinmeißeln lassen; und wir glauben, eiu wahres Wort gesagt zu haben:ein treuer Diener der Kunst, der sich in die Bresche warf, umdem Neuen deu Weg zu öffnen.

Es wird vielleicht einmal ein Boshafterer als ich es bin, dieKritiken zusammenstelle!?, die einflußreiche Kunstschriftsteller, wiePecht, Pietsch, Ranzoni, Rosenberg u. a. noch außer den erwähntenüber Böcklin verbrocheil haben. Hier festzustellen, wie sehr sie sichim Urteil vergriffen, wie sehr sie unfähig waren, Knnst zu ver-stehen, die auders aussieht, als sie und ihr Geschmack es forderten,hat wenig Zweck. Mich überkommt freilich manchmal ein Lächeln,wenn ich heute im Vorderkampf für Böcklin Leute sehe, die nochvor zehn Jahren den Meister für verrückt und seine Verteidigersür Söldlinge meines Bruders erklärten.

Eine Eigenschaft tritt augenfällig hervor, daß der Maler dieGabe besitzt, in jedem seiner Werke anregend zu wirken. Das hatman ihm gerade zum Vorwurf gemacht; man nannte ihn einen,der das Aufsehen um jeden Preis erwecken wolle, der nur fürdieseu Zweck arbeite. Daß es Maler dieser Art giebt, ist nichtzu bezweifeln. Aber wie selten hat dies Bestreben Bestand. Wierasch geben sich die meisten aus, an Gedanken künstlerischer, jaselbst inhaltlicher Art. Angenommen, Böcklin wäre eiu solcher: Nundann ist ihm diese Absicht in wunderbarer Weise gelungen. Jeden-falls hat es noch nie einen Maler gegeben, der so ununterbrochenSensation aus sich heranssvrudelte. Niemand wird seine Bildervergessen, niemand sie übersehen. Man hat seit einigen Jahrenerkannt, daß die Reklame auch eine Kunst sein könne. Man hatdie Mauerauschläge zu sammeln, Preise für sie auszusetzen begonnen.Wer sie küustlerisch zu haudhabeu weiß, wird als Künstler ge-würdigt. Also gut: wer Böcklins Künstlerschaft nicht versteht, der