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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Böcklins Geist. Böcklin und die Natur.

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erkenne wenigstens seine Kraft an, im entschieden wirksamen Tonzum Beschauer zu sprechen.

Aber er ist kein Mann der Sensation. Die Reklame, dieBöcklins Auftreten umgab, war das Augstgeschrei ausgescheuchterIdealisten. Wenn man in seine Bilder sich Hineinznsehen lernt,wird man sich um einen starken Eindruck uicht sür den Augenblick,sondern fürs Leben reicher fühlen. Man hat nicht ein Bild, nein,man hat ein Stück Welt mehr gesehen. Nur eine ganz gewaltigePersönlichkeit kann eine solche Fülle der Anregung von sich aus-strahlen, nur aus einem dichterischen Herzen kann so viel Kunst,dauerndes, in fremden Herzen haftendes Leben fließen. Mögen sichandere daran freuen, die Schwächen Böcklins aufzudecken, um somehr, als es eine so leichte Mühe ist, sie zu finden; sie werden sichdoch von dem Zauber des Mannes nicht frei machen können. Wennsie ein Dutzend der regelrechtesten Bilder schon längst vergessen haben,wird jener wuchtige Eindruck noch klar und frisch vor ihnen stehen,den sie anfangs vielleicht mit Widerwillen in sich aufnahmen, deraber nnser inneres Empfinden anregt, uns um ein Märchen, einglückliches Gesicht bereichert. Von einem Ende Europas bis zumandern giebt es keinen Maler, dem Böcklin gleicht. Er ist nur erselbst. Mau kaun die Kuust teilen in eiue allgemeine und eineBöcklinsche. Denn er schafft, was mit anderen Schulen nichts gemeinhat, was ebenso gut fünfzig oder huudert Jahre früher hätte ent-stehen können, eine rein individuelle Kuust, Kunst aus Eigenem!

Auch diese ist nicht Realismus im Sinne der Modernen.Böcklin selbst hat es oft genug ausgesprochen, daß er nicht Studienvor der Natur macht, sondern nur im Sinn Marees' Natnr-eindrücke im Gedächtnis sammelt. Seine Bilder stellen daher nieein Stück vorhandener Welt dar, sondern stets eine von der Naturim Geist empfangene Anregnng, die aus der Menge der dort auf-gestapelten Naturerfahrungen weiter ergänzt und fortgebildet wird.Sie sind also eine Art Gedicht und eine Art Gesicht. Ein geistigim Innern Ausgebautes, das nicht in Worten, sondern in Formund Farbe fertig in ihm vorlag, ehe es auf die Leinwaud gebrachtwurde. Aus dem Gedächtnis heraus schafft er dann mit vollendeterinnerer Sorglosigkeit. Es gilt nicht eine Naturerinnerung, sondern