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VIII. Die Kunst aus Eigenem.
nur sich selbst wiederzugeben. Böcklin bekümmert sich wenig umdie Gefahren, die andere schrecken, um Verzeichnungen und Unwahr-heiten in der Farbe. Denn das, was er malt, ist gar nicht das,was dranßen in der Welt ist. Er malt aus seinen Natur-erfahrungen heraus nicht die Gotteswelt, sondern die Welt Bocklins.Es berührt ihn auch wenig der Vorwurf, ob diese möglich sei.
Die Frage bei solchen Arbeiten ist nur, ob diese Naturerfahrungund diese innere Welt reich und tief genug sind, um den Beschauerdurch ihre Wiedergabe zu sesselu. Es ist der Idealismus des Corneliusin ihr, derselbe Geist, dieselbe Absicht. Nur ist Böcklin frei von allerSchule. Nie ein Strich, der an einen alten Meister mahnt. Cor-nelius' Gedächtnis war belastet mit alter Kunstform, das ist dieSchwäche seines Schaffens. Böcklins Gedächtnis hat nur selbständigvor der Natur erfahrene Eindrücke bewahrt. Er arbeitet, wieMarees es lehrte; aber er arbeitet mit einer ganz unerhört reichenkünstlerischen Seele. Man sehe sich ein Stück Fischleib, ein paarFeldsteine am Weg, einen Wolkenhimmel an. Welch unendlicherReichtum des Sehens von Form uud Farbe, stets beider zusammen.Nicht, wie Hildebrand, will er die Farbe nur als Hülle der Form.Gerade die Durchdringung der Formen, die Spiegelungen und dieUmbildungen der auf und im Wasser befindlichen Dinge lockt ihnam meisten; das eigentlich malerische Problem ist ihm nicht Er-scheinung der Dinge an sich, sondern die unter wechselnden Ver-hältnissen. Die Art, wie Böcklin hier die Aufgabe klar zu erfassen,und die Meisterschaft, mit der er das Naturbild in seiner Ganzheitauf die Leinwand zu bringen weiß, macht ihn zum großen Malerunseres Jahrhunderts; da ist ein so riesenhaftes Können, daß mansich an seinen Fehlern freut. Manche Mißbildung in der Zeichnungbringt ihu uns nur menschlich näher.
Böcklins Schaffen wird von einer inneren Notwendigkeit be-herrscht. Er schwankt nicht in den Formen, obgleich er oft das-selbe Bild in zwei Ausfassungen nebeneinander malte. Er hatteeben den Gedanken in zwei Formen im Geist und mnßte ihn daherdoppelt festhalten. Der Gedanke stand fertig vor ihm. In derMitte der Landschaft Die Villa im Frühling sitzt unter anderemim Grünen eine Franengestalt in Weißen Kleidern nnd roten