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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Böcklins Farben.

Der Prvmetheus,

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Schuhen. Als mein Bruder das Bild kaufte, bat er Böcklin flehentlich, die Schuhe, den winzigen Fleck im Bilde, schwarz zumachen, denn er kannte seine Berliner. Diese roten Schuhe wür-den das einzige sein, was sie auf dem großen Bilde sähen. Erahnte den unsäglichen Ärger, den er von ihnen haben werde. Böcklin

sagte aber: Nein, lieber Gnrlitt, das geht nicht; Gretchen H........

hat einmal mit solchen roten Schuhen im Gras gesessen und da istmir gerade dabei dies Bild eingefallen. Der Sturm der HeiterkeitBerlins war deun auch bald entfesselt. Wie kann man sich einesBildes freuen, wenn solche Verrücktheiten darauf vorkommen! Jahre-lang blieb das Bild unverkauft!

Die Vorstellung, die sich Böcklin von der Natnr schasst, istwunderbar klar. In seiner Landschaft ist eine Heiterkeit, einGlanz der Farbe, wie sie nie vorher gemalt wurden. Keine Spnrvon Entlehntem, keine Spur von Theorie. Eine unbedingte Rein-heit der künstlerischen Empfindung. Böcklin malt das Meer so blau,wie es nur irgend sein kann, die Wiese so frühlingsgrün, so vollvon Blumen, den Himmel so leuchtend und die Wolken so strah-lend weiß, die Fetsenschlnchten so tief und das Waldesdüster sodnnkel, wie all das nur Sonntagskinder sehen, solche, die den Erdeu-stanb aus den Augen wischten und mit Kinderfrendigkeit in dieWelt blicken können. Unsere Zeit, die den Naturalismus zurstärksten Eutwickeluug brachte, setzte ihm hier eiuen Mann entgegen,der die Natur mit Märchenaugen ansieht. Alles was er schafft,bekommt ein Doppelleben. Es ist nicht wahr, sondern es ist über-wahr; es hat alle Lebenseigenschaften in gesteigerter Form.

Vor allem Farbe! Nicht Hellmalerei, nicht Graumalerei, nichtBraunmalerei, sondern Farbe in höchster Kraft. Eine fonnige Rein-heit und eine schillernde Flüssigkeit des Tons. Märchen überall.Man geht wie im Feeenland. Nirgend eine aufdringliche Erklärung,daß man sich darin befinde, überall aber ein Wispern in Buschund Wolken, das der versteht, der am Sonntag der Kunst geborenwurde. Laß die anderen laufen, ruft es einem zu, paß fein stillauf uns auf! Feeenland! Märchenland!

Nirgend die Spur einer Naturstudie, uirgeud der Eindruck,als sei das Bild zusammengetragen. Es ist in seiner Einfachheit