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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VIII. Die Kunst aus Eigenem,

oder in seinem Reichtum ganz gleich selbstverständlich. So steht'sda, weil es so hat dastehen müssen. Man vergleiche Böcklin mitder älteren Geschichtslandschaft, mit Preller. Sie baut eine Bühneauf mit sehr geschickt geordneten Kulissen und läßt uns zusehen,was geschieht. Böcklin läßt nns die Dinge mit erleben, weil er sieselbst erlebt hat. Der Prometheus wie oft ist er gemalt, an denFelsen geschmiedet mit dem Adler auf der Brust. Bei Böcklin hoheFelsen, au die das purpurschwarze Meer emporzüngelt. Auf denFelsen knorrige Ölbüume silbergrünen Gelaubs, vom Sturm ge-peitscht. Höher hinauf Felsen auf Felsen bis zum hohen Berg sichtürmend, dessen Rücken die jagenden Wolken berührt. Eine Land-schaft, so riesig, wie sie vorher wohl nur Rubens malte. Nicht Ab-bildung, sondern Neubildung. Nicht eine Harmonie, sondern Auf-lösung von Dissonanzen, die durch eine starke Hand zum Ausdruckeiner Empfindung gezwungen wurden. Oben auf dem Berges-rücken ein gefesselter Mann. Er ist groß, dieser Mann. Ich schätzeihn im Sinne des Feldmessers ab. Ein guter Fußgänger hättewohl drei, vier Stuuden zu steigen, ehe er den Riesen von derKüste aus erreichte. Die Felsenklüfte erscheinen klein unter derWucht seines Körpers. So eine Fußzehe mag wohl ihre zwei, drei-hundert Meter messen, so ein Fuß seine Tausend, so ein Beindreitausend der Prometheus ist größer als alle Berge ringsum,wohl sechstausend Meter hoch, wollte er sich aufrichten. Wieläßt nur Goethe in seiner köstlichen Jugendschrift Götter, Heldenund Wielaud den guten, in der Nachtmütze auftretenden Dichtersagen, als ihm Herkules in der Unterwelt entgegentritt? Ich habenichts mit euch zu schaffen, Koloß! Ich vermutete einen stattlichenMann von mittlerer Größe! Wenn ihr Herknles seid, so seid ihr'snicht gemeint. Ich gestehe, das ist der erste Traum, den ich sohabe! Wahrhaftig, ihr seid ungeheuer. Ich hab' euch mir nicht soimagiuiert!

So urteilte man über das wunderbare Bild. Wolkenschattenziehen über den Götterleib, ihn umschlciernd. Wer hätte das früherje gemalt, einen Körper, der alle Farben spielt, im wechselnden Lichte,wer Hütte eine Gestalt dort oben zwischen Bergrücken und Bild-rahmen gelegt, wo er doppelt gefesselt erscheint, durch seine Ketten