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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VIII. Die Kunst aus Eigenem.

die Zeit nun vorüber sei, in der wir ihn im Geiste zu suchenhaben! Und das Suchen heißt, sich selbst einsetzen und in sichnach Erkenntnis trachten; nicht durch Gelehrsamkeit fremde Er-kenntnis auf sich übertragen. Ich habe es hier also nicht mitdem Theologen, sondern nur mit dem Ästhetiker zu thun, freilichmit einein solchen, der seine künstlerische Erkenntnis mit seinerWürde als Geistlicher verquickte.

Ich habe mich länger mit ihm beschäftigt als nötig, nichtwegen des Wertes seines Urteils, sondern des öffentlichen Ärger-nisses wegen, das die in ihm liegende Anmaßung erregte. Es sei aufGeorg Treu's würdige Antwort verwiesen, mit der dieser den Angriffabwies, der sich natürlich auch auf alle erstreckt, die Klingers Ruch-losigkeit zu fördern suchen. Die Wahrheiten, die in der neuenreligiösen Malerei Deutschlands und nur der deutsche Pro-testantismus hat eine solche sich geltend macht, nennt Treu : Ein-kehr aus der Vergangenheit in die Gegenwart, aus der Fremde indie Heimat; Ersatz der Nachahmung und Nachempfindung durchNeuschöpfung; des äußeren Prunkes mit schönen oder ethnographischinteressanten Formen, Gewändern und Umgebungen durch inner-liche Wahrheit und womöglich durch Größe. Mit diesem ehrlichenRingen und dieser innerlichen Wahrhaftigkeit in der Kunst kanndie Religion wohl einverstanden sein; denn sie steht mit allemEchten und Wahrhaftigen auf allen Gebieten und zu allen Zeitenin einem natürlichen Buude. Es wäre ein schwerer Verlust, wenndie protestantische Kirche den starken Zug, der im deutschen Volkauf Lösung der Fragen christlicher Kunst hinweist, unbenützt vorbeiließe, bloß weil zumeist ihre Geistlichen wohl brave Leute, aberkünstlerisch blöde, unfähig sind, frei von alten Beeinflussungen, dasGute erkennen, das sich ihnen bietet!

Ein drittes großes Bild Klingers folgte, Christus im Olymp.Der Herr trägt um die hagere Gestalt ein Gewand in Goldbrokat,hinter ihm her kommen vier in farbige Kleider gehüllte Frauen,ruhig beobachtend, in müßiger Bewegung: es sind die Kardinal-tugenden. Vor Christus sitzt Zeus , seinen Ganymed im Schoß.Bacchus bringt dem Nazarener seine Schale; Amor will ihm alleseine Pfeile ins Herz stoßen. Aber mit ruhig abwehrender Hand